Le Schweinderl c’est moi [by Irli] | #flussnoten

[Irli] Island steht genau vor der Sonne. Goldumschimmerte Westfjorde wie auch der Rest der Insel von einem glänzenden, weißen bis gelben Halo umgeben ist. Darunter ahnt man einen kegelförmigen Berg und je weiter weg von der Lichtquelle, desto realer bildet sich die Umgebung ab. Föhrenwald, Sturzbäche, eine Alm, das Tal so kultiviert mit Wiesen und Parzellen, Häuschen und Kirchlein, weitweg auf der anderen Seite unseres Lagerplatzes. Dort wo der Vatnajökull wäre, ist die Wolke etwas dünner, so als habe ein göttlicher Wolkenskulpteur absichtlich die Wolke etwas dünner gestaltet, damit die Stelle, an der der Gletscher liegt weiß wie Schnee hervorbleckt. SoSo hat unterm Vordach des kleinen Schützenhauses eine uralte, zwei Meter lange Holzbank hervorgeholt und sie an die Sonne gestellt. Mit dem Rücken zu einem steilen, fast trockenen Sturzbach wärmen wir auf und dümpeln in den Abend. Kirchturmuhr schlägt acht. Unser Flecken scheint der einzige Ort im Tal zu sein, an dem die Sonne sich durch das Labyrinth aus Wolken zu bohren vermag. Wie auf einer Bühne sitzen wir. Die Sonne unser Scheinwerfer. Wie die beiden alten Knauser in der Muppetsshow oder wie Robert Lembke und das Schweinderl einst in ‚Was bin ich?‘ (Le Schweinderl, c’est moi!). Ja, genau so sieht unsere Bühne aus.

Wenn je ein Theaterstück über die Flussnoten geschrieben wird, dann muss die Bühne so aussehen: klapprige Holzbank, wie sie einst in einer Bauernstube stand, Reste eines lackierten Schnörkelmusters auf der Sitzfläche, dahinter ein zwanzig Meter breiter Sturzbach, schnurgerade kanalisiert mit hohen Dämmen und riesigen, die Wassermassen brechenden Betonblocks ab und zu, dahinter eine steile Kuhweide, die bis in den Wald ragt. Kuhglocken. Aus dem Off Kirchglocken. Sie würden die einzelnen Akte des Theaterstücks einläuten. Frau SoSo und Herr Irgendlink im Rampenlicht einer sich durchkämpfenden Sonne und im Schatten unter Island schaut gebannt das Publikum.

Das Wolkenspiel in den Bergen ist exorbitant. Wie sie sich in den Wald drücken, abnieseln, auflösen, neu formieren, Sonne freigeben, aufsteigen, fallen, mal so mal so ziehen und alles unheimlich laaangsam. Die Wolken sind die Wale der Lüfte. Nein die Pferde. Halt halt, die Zwerge, die auf einer Bahre einen Goldschatz tragen. Nein, stopp, Einhörner und ein winziges Wutzchen, das ihnen hinterherjagt in die schmale, gewundene Rinne jenseits des Kapellchens da drüben am Nordhang. Verflixt nocheins, diese Wolken können einfach jede Gestalt annehmen, wie es ihnen scheinbar beliebt.

In Surrein sind wir mittlerweile. Eine Reisewoche ist um. Der zwanzig Meter breite Bach, der momentan kaum Wasser führt, heißt Rein da Sumvitg. Einer jener vielen Rheinfingerchen, die irgendwann ab etwa Ilanz den großen Strom bilden.

Island hat sich längst aufgelöst. Ich stelle mir vor, dass das Wölklein im Föhrenwald abgeregnet ist, quasi vor unseren Augen verschwand, an Tannennadeln sich zu Tropfen formierte, auf den Waldboden fiel, versickerte, woanders zu Tage trat, sich einspeiste in den nächstbesten Rein da Irgendwas und zum Fluss wurde.

Der Rhein ist aus Wolken gemacht.

2 thoughts on “Le Schweinderl c’est moi [by Irli] | #flussnoten


  1. Ich atme befreit auf: das Schweinderl kenne selbst ich … und wie ich all das lese, denke ich, da braucht Traumspruch keine Bildbeschreibung, da wird alles so bildlich, weil du weisst wie es geht und weil du es kannst. Ganz wunderbar!
    herzlichst
    Ulli

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