Der ungehbare fünfte Weg des Weitwanderns. By Irli | #flussnoten

[Irli] Wie soll es jetzt weitergehen? Wir sitzen in einer hölzernen Kinderhütte auf einem Spielplatz. Regen. Frühmorgens. Vielleicht neun Quadratmeter mit Miniveranda und Bänkchen verschiedener Höhe für Kindlein verschiedener Größe. Holzboden. Blockbauweise, wobei die Schichtung der Stämme so lückenhaft ist, dass der Wind kalt aus den Bergen durchzieht. Isomatte um die Nieren gewickelt. Kocher hitzt Kaffeewasser. Kaum anderthalb Meter hoch ist das Hüttchen. Die Stadt, Domat Ems, erwacht. Nebenan rauscht ein Bach, den ich in meiner Not, seinen Namen nicht zu kennen auf den Namen Ems taufe. Wie der deutsche Fluss. Mit Wasserfall.Beim Reisen gibt es eigentlich nur drei Optionen: weiter, zurück und da bleiben, wo man ist. Man sollte sie als Konstrukteur seines eigenen Vorankommens je nach Gusto nutzen. Auch das Zurück? Verrückter Gedanke, will man doch vorankommen. Da scheinen einem die Optionen Zurück und Dableiben irgendwie widersinnig.

Gestern war der bisher heißeste Tag unserer Wanderung den Rhein hinab. Als wir unser Lager verlassen und die Hängebrücke zum Bahnhof Trin überqueren – unsere dreizehnte Rheinüberquerung seit dem Tomasee – wandern wir fünf Kilometer weit meist in praller Sonne, zehn Uhr früh übermächtige Hitze. Nutzen jeden Baum, um in seinem Schatten ein paar Minuten zu ruhen, jedes Rinnsal, jeden Brunnen, High Noon Reichenau, wo Vorder- und Hinterrhein zusammen fließen. Jeder Stopp ist Dableiben. Jedes Weitergehen ist Weitergehen. Vom Brunnen in Reichenau keuchen wir weiter Richtung Chur, schaffen es bis zu einer Motorradwerkstatt. Bleiben außer Puste auf einem Bänklein liegen. Rocker kommen. Rocker gehen. Harleys brummen. Freundliche Hallos, na, ihr schrägen Vögel, was hat euch denn hierher verschlagen auf unseren schönen schattigen Grillplatz? Klar könnt ihr bleiben und ruhen.

Dann doch weiter, stets das Mützchen gekühlt. In jedem Rinnsal wässern wir unsere Baumwollhauben und strippen sie tropfend über den Kopf. Verirren uns. Niemand da, den man nach dem Weg fragen könnte. Da. Auf einer Wiese. Ein Mann mit Hund. Fünfzehn Jahre sei das Tier. Und es wolle nicht mehr. Der Methusalem von Hund schleppt sich von Schatten zu Schatten, kauert hinter jedem Strohballen. Der Mann ist ein Engel, entsandt, um uns den Weg zu zeigen. Da über die Wiese bis zum Waldrand. Steiler schmaler Pfad, Fahrradstraße, runter zum Rhein, Domat Ems, dann Chur, viel Glück. Wie müde Westernhelden, die zwölf Uhr mittags einen Job zu erledigen haben, trotten sie gen Wohnsiedlung. Der Kirchturm von Tamins ist steil, einsam, umzingelt von Wald, zu seinen Füßen knien Neubauten. Zeit? Vor, zurück oder Stillstand. Die Zeiger der Uhr bewegen sich nicht. Weiter den Pfad hinauf und im Schatten eine Ruhebank finden. Dableiben. Weiter unter einer gottseidank schattenspendenden Lawinenverbauung. Möge sie niemals enden. Sie endet. Ein Bach. Füße rein. Mützchen kühlen. Fünfzehnte Rheinüberquerung beim Wehr von Domat Ems. Mann fragen für Supermarkt. Da lang bis zur Kantonalsbank, zwanzig Minuten. Das Städtchen ist überheiß, der Coop klimatisiert. Endlich Brot, Käse, Grillzeug, kühle Getränke. Die Cailler-Werbedame macht uns am Schokoladenstand das neue Sortiment schmackhaft. Wir kaufen. Nicht. Die Schoggi würde sofort verdunsten. Der Kassier identifiziert mich anhand meines Dialekts als Mannheimer. Nicht schlecht getroffen, wenn man bedenkt wie groß Dütschland ist. Er kommt aus Sankt Moritz und ist seit einem knappen Jahr hier unten. Ich beneide ihn. Ich wünschte, ich wäre er. Nur für den Moment. Ein vierter Weg zwischen Weiter, Zurück und Bleiben wäre jetzt schön. Ich will die Cailler-Werbedame in Domat Ems sein. Und der verschwitzte Bauarbeiter, der gerade durch die Klimaschleuse kommt. Der ganze Markt riecht nach Schweiß.

Wir irren raus aus Domat und verirren uns. Zwischen Autobahn und Bahnline. Frau SoSo will neben einer Kleingartensiedlung zelten. Umspült von Lärm. Mit Geduld gelingt es mir, sie zu einem Zurück zu überreden. Das Zurück ist die Königsdisziplin des Wanderreisens. Niemand, der voran will, geht freiwillig zurück. Dabei kann es so heilsam sein. Heilsamer noch, als Verharren.

Ein paarhundert Meter nur unter der Bahnliniedurch in Richtung eines schwarzen Silos schleppen wir und, durchqueren ein Wohnquartier, orten grob unseren Übernachtungsplatz neben einem Spielplatz. Hütte, verpisst und dreckig. Aber für den Notfall. Wie Schach ohne Gegner erkunde ich die Umgebung, gebe den Springer, den Turm, den Läufer und die Dame, sondiere mögliche Zeltstandorte, denn mal ehrlich, eine verpisste Grillhütte ist der fünfte ungehbare Weg des Weitwanderns. Ein Weitwanderer gesellt sich zu uns. Barfuß. Lebt hier. Studiert Tourismus in Chur. Erzählt von seinen Touren in den Alpen, vom Wasserfall hinterm Spielplatz, unter dem man duschen könne. Er trinkt unser Abenteuer, saß er doch den ganzen Tag am PC und schuftete an seiner Bachelorarbeit.

Beim Reck auf dem Trimmdichpfad bauen wir das Zelt auf und als wir gegen halb Sieben erwachen, ist gerade genug Zeit, alles zusammen zu raffen und die hundert Meter bis zu dem Kinderhüttchen auf dem Spielplatz zu laufen. Nicht in die verpisste Hütte. Dann kommt der Regen. Hundegassigänger. Wir kennen sie schon von gestern abend. Gewohnheitsgewebe. Ein Traktorfahrer beäugt uns argwöhnisch. Ein Auto stoppt. Ein Mann steigt aus, hinkt, bewappnet mit Schirm unter der Kinderseilbahn hinüber zum Mülleimer, stopft einen Sack hinein, hinkt zurück zum Auto.

Ich schalte das Fon ein und tippe diese Zeilen. Das Wetter soll schlecht bleiben. Lange. Sehr sehr lange.

Ich frage mich, wie soll es jetzt weitergehen?

One thought on “Der ungehbare fünfte Weg des Weitwanderns. By Irli | #flussnoten


  1. Weitergehen, oderrr? Bleibt ja nüscht … oder Bus, Bahn, Bodensee hat Sonne, las ich vor einer Stunde.

    ich mag zurück auch nicht so, aber manchmal … gut gemacht!
    herzliche Grüsse und trockene Füsse
    Ulli

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