Am Bodensee [SoSo] | #flussnoten

Nochmals an den Bodensee also. Die offenen Fäden aufnehmen. Irgendlink würde, so hatte er
sich nun also doch entschieden, zumindest noch das Stück bis nach Hause fahren, damit er später,
wenn der richtige Zeitpunkt gekommen sein würde, die Strecke nach Rotterdam direkt von daheim aus fahren könnte.

Hatte er noch vor vier Tagen gemeint, dass die Rheintour für ihn am Bodensee enden dürfte, dort, wo wir gemeinsam das Fließen des immer breiter gewordenen Flusses in den See betrachtet hatten, konnte er es sich inzwischen vorstellen alleine weiterzureisen. Mir selbst fehlen dazu sowohl die Fernradellust als auch die entsprechende Erfahrung, von Zeit gar nicht erst zu reden. (Mein Fokus ist jetzt wieder auf Jobsuche und Mittelbeschaffung gerichtet, oder vielleicht auch ein Stipendium oder etwas in der Art. Mieten und Krankenkassen zahlen sich nicht von allein und den Geldesel habe ich auch noch nicht gefunden.)

Bodensee also. Den gestrigen Morgen verbrachten wir entsprechend mit Reisevorbereitungen. Die wieder sauberen Kleider Irgendlinks lagen auf dem Tisch. Das spülmaschinensaubere Kochgeschirr und der Trangia warteten am Boden neben den Radtaschen, die den Wanderrucksack ablösen würden. Schlafsack, Matte und Regenjacke. Küche, ein bisschen Futter
wie Kaffee, Brot, Käse und Gemüse, sowie Kleider. Ein minimales (oder besser maximales) Minimum, das gerade noch in den zwei Hinterradtaschen, Rolle und Lenkertasche Platz findet,
soll mit. Es sind ja nur 5 Tage oder so.

Gemeinsam hieven wir das Radel mal wieder ins Auto, was bei heruntergeklappten Sitzen gar nicht so schwer ist, dennoch mischt sich eine wachsende Schwere in mein Herz. Ich hasse Abschiede. Obwohl sie ja die Voraussetzung von Vorfreude sind. Die Sprungbretter quasi.

Bald fahren wir ostwärts. Die Ostschweiz ist mir, ich gestehe es, und nicht zuletzt auch wegen
ihrer in meinen Ohren sehr spitz klingenden Dialekte, nicht sehr vertraut, So queren wir also fast unbekannte Gegenden, nachdem wir erst einnmal Winterthur hinter uns gelassen haben.

Wie schnell es sich doch vorankommen lässt, im Auto, auf der Autobahn, deren Gesäusel uns oft auf die Nerven gefallen ist! Und auf einmal sind wir da. Wir finden relativ schnell jenen Parkplatz, von welchem aus wir am Freitagabend mit S. und F. Richtung Bahnhof St. Margrethen
gefahren worden sind. Und parken.

Schon bald haben wir uns entschieden, ganz nach vorne zu wandern. Das Nordkap des kleinen
Mannes, scherzen wir. Die ganzen ungefähr dreieinhalb Kilometer, inklusive den Schlenker um
die Lagune. Ein Stück davon ist Irgendlink am Freitag schon gegangen, während ich an unserer
Bucht ein Nickerchen gemacht hatte. Damals waren viel mehr Menschen unterwegs gewesen,
meint er, doch heute haben wir den Kieselstrand am nördlichsten Punkt der Lagune für uns und
stürzen uns alsbald in die Fluten. Herrlich, erfrischend, erholsam.

Mir ist, als wir weiter gehen, auf dem linken der zwei Rheindämme, die in den See hineinragen, mir ist, als würde ich liegengelassene Fäden aufnehmen und sie nun verstähte, vernähe, so, dass sie sich nicht mehr auflösen können. Als wäre das hier nun der wirkliche Abschluss meines
Flussnoten-Reiseteils. Als Flussnoten-Homebase bin ich weiterhin an Bord, klar, und Irgendlink bat mich, doch noch alle meinen noch ungeschriebenen Artikel aufzuschreiben und so am stetig wachsenden Flussnoten-Buch weiterzuschreiben. Gerne. Schritt für Schritt. Wie als Wanderin.

Am Dammspitz sind wir nicht allein, dennoch ist es ein irgendwie abschließendes, rundes Erlebnis, es bis hierher geschafft zu haben. Zurück am Auto sind wir hungrig und setzen uns in den Garten eines nahen FKK-Restaurants (allerdings in den „angekleideten Bereich“). Im Radio die Straßenzustandsberichte, die mir einen fünfzigminütigen Stau prophezeihen. Von hier bis zur Grenze. Weil, so vermuten wir, viele Schweizerinnen und Schweizer einen Tag ohne Einkaufenkönnen nicht ertragen konnten und darum nach Österreich gefahren sind. So Schatten eines Nationalfeiertages.

Es ist schon halb sechs, als Irgendlink alle Taschen am Rad befestigt hat. Der Helm sitzt. Die letzte Umarmung könnte ewig dauern und einen Tag – doch dann fährt er los.

Ich kann mich nicht so recht entschließen, nach Hause zu fahren. Kurz bevor ich in die
Hauptstraße einbiege und vom Stau eingesogen werde, sehen wir uns ein letztes Mal. Er hat zur ersten Steigung angesetzt, Richtung Bregenz. Wir winken uns nochmals zu.

Nach fünfzig geduldig ertragenen Stauminuten für gerademal fünf Kilometer quere ich die
Schweizer Grenze und kann endlich Gas geben. Seufzend, denn ein bisschen unheimlich ist mir
diese Geschwindigkeit ja schon.

Irgendlinks Strecke des 24. Tages:

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