Die Sedimentation allen Seins by Irli | #flussnoten

Mein Schattenich will ruhen. Hier auf dem Bordstein eines riesigen geteerten Parkplatzes bei den Sankt Johanner Sportanlagen. Es hat die Isomatte ausgebreitet unter einem Baum, ein Kissen geformt. Der Körper liegt, starrt in den blauen Himmel mit den weißen Wölkchen, die mal diese, mal jene Gestalt annehmen. Da zum Beispiel eine Katze. Hochhäuser ringsum. Ein Werk brummt. Kaum Menschen. Der Parkplatz ist fast leer.

Eine Baustelle hinter einem Zaun. Ab und zu kommen Bauarbeiter hinter den Blechwänden hervor, rauchen Zigaretten im Duett. Ich kann ihre Stimmen hören in einer fremden Sprache. Der Grenzübergang nach Frankreich ist gleich um die Ecke. Es ist das dritte Mal, dass ich hier bei Hunningen die Grenze überquere.

Die Blase will, dass ich rübergehe zu dem Baum und sie erleichtere. Bauarbeiter erwischen mich, lachen. Es läuft. Das Hirn will, dass ich diese Zeilen tippe. Nee, nicht diese, die, die ich davor im Kopf formuliert hatte auf den fünfzehn Kilometern von meinem Nachtplatz oberhalb von Kaiseraugst bis hierher. Die Zeilen, die von der Sedimentation allen Seins handeln und davon, dass wir Menschen als Gesellschaftswesen seit tausenden Jahren auf der Stelle treten. Dass nichts sich grundlegend geändert hat, wie wir leben, handeln und mit unserer Umwelt und miteinander umgehen.

Eine fünfzehn Kilometer lange Bankrotterklärung sozusagen.

Kaiseraugst, das antike Augusta Raurica, ist ein ganz normaler Schweizer Ort mit Wohnquartieren, Geschäften und Gasthäusern und Hotels und Bespaßungen. Wären da nicht riesige Parkplätze ausgewiesen und an den Straßenrändern Infotafeln über die antike Stadt, die man akribisch ausgegraben hat, könnte man einfach so durchradeln und den Ort abhaken.

Eine Tafel weist in eine Wiese zur Kloake und zum Keller. Ein Pfad führt auf eine paar Quadratmeter große Betonfläche zu, in der eine Treppe verschwindet. Folgt man ihr, gelangt man in die alte römische Kanalisation, die die Therme entwässerte. Nichts Spektakuläres. Nur ein vielleicht sechzig Zentimeter breiter Gang, kaum 1,8 Meter hoch, der nach einigen zig Metern wieder nach draußen führt. Der Keller, der in dem Kloakengang liegt war einmal ein ganz normaler römischer Keller unter einem ganz normalen Haus, der aber für den Bau der Therme zugeschüttet wurde. Eine Schatzgrube für Archäologen.

Weitere Bauwerke folgen. Das Theater wurde rekonstruiert und dient auch heute als Bühne. Überall Kabel und Leuchten. Ein Kastell, Tempel, eine  antike Gaststätte. Man lernt viel über das Leben im Augusta Raurica des ersten Jahrhunderts. Ein Video in Endlosschleife zeigt, wie man die riesigen Quader der Fundamente verlegte. Mit Kran, wie wir es heute auch tun. Museum, Säulen, Ornamente, Inschriften, Schmiede, Bäckereien.

Über alles hat sich das Sediment der Jahrhunderte gelegt. Keller und Kloake waren fünf Meter tiefer als das heutige Niveau.

Auf dem Weg nach Basel frage ich mich, ob wir Menschen nicht eigentlich seit ewigen Zeiten auf der Stelle treten. Kein Zweifel, technisch sind wir viel weiter als die Römer. Wir bauen größer, höher, effizienter. Wir können fliegen, haben Autobahnen und Computer.

Aber im Umgang miteinander hat sich kaum etwas geändert. Die heutige, globale Gesellschaft funktioniert recht ähnlich wie die damalige römische. Wir leben, handeln, expandieren, kämpfen, erobern wie eh und je und wenn wir den Sklavenbegriff soweit ausdehnen, dass des einen Leid und Mühsal des anderen Profit und Freud‘ ist, sind wir dem römischen System um kaum etwas voraus.

Wie es wohl hier aussieht in 2000 Jahren? Ob dann die Archäologen der Zukunft unsere Städte, unser Leben rekonstruieren?

Später in einem Park die Nachbildung eines Dinosauriers. Er wurde in Mexico gefunden. Bis zu 49 Meter lang konnte der Vegetarier werden und vierzig Tonnen schwer. Warum sie wohl ausstarben?

Die Sedimentation des eigenen Lebens beschäftigt mich. Wie sich Minute auf Minute legt und Ereignis auf Ereignis. Eben noch Römer, die im Mahlstrom meines Erlebens unter Dinos begraben werden, welche von bunten Graffities unter den Brücken nahe des Fußballstadions bedeckt werden, dann der Rhein, Beton, Brunnen, Altes, Touristen, Kunst, Samstagmorgenfußballspiele, wie eine Pumpe drückt es die Rennradler raus aus der Stadt, Busse, Straßenbahnschienen kilometerweit bis hier her und die oberste Schicht meines Lebenssediments ist momentan die drückende Blase, der Baum und mein träges Schattenich, das ich überlisten musste, um diesen Text zu schreiben.

3 thoughts on “Die Sedimentation allen Seins by Irli | #flussnoten


  1. Ja, lieber Jürgen, da stimme ich dir zu, wie wohl viele andere Menschen auch, die ab und an mal eine Schicht tiefer graben! Auch Henry David Thoreau schrieb schon 1854 in seinem Buch „Walden“ (oder Leben in den Wäldern) genau das, dass wir als Menschen nicht sehr weit gekommen sind und das hat sich auch 2016 nicht geändert. Und genau darüber schrieb ich gestern in meine Kladde… schön, diese Gedanken nun auf irgendklinksche Art zu lesen!
    herzliche Spätabendgrüße mit Mondsichel am Mittelrhein
    Ulli


  2. Die Archäologen werden diesen kleinen Kultgegenstand bestaunen, den offenbar jeder bei sich trug … ,)
    Es ist sicher deutlich schwerer, menschlich fortzukommen, als technischen Fortschritt zu erzielen. Mich hätten die Römer schon deshalb interessiert, weil sie uns so ähnlich sehen; aber was wissen wir schon auf die Entfernung?

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