Reise zum Mittelpunkt des Rheins by Irli | #flussnoten

Hüte dich davor, die unbekannte Flasche zu öffnen, die am weitläufigen Strand deiner Phantasie zwischen Steinen, Glassplittern, Kunststoffresten, abgeschliffenen Getränkedosen und allerlei Strandgut zu liegen kam. Sie könnte einen Geist beherbergen, der, wenn der Verschluss geöffnet wird, herausströmt und eine unheimliche Form annimmt, nicht beherrschbare Kräfte freisetzt. Im ach so klaren und einfach gestrickten Gemüt, das du im Laufe deines Lebens zusammengeschustert hast könnte er Verwirrung, wenn nicht gar Wahnsinn auslösen.

Der Rhein ist kein Fluss, phantasierte ich vor etwa einer Woche bei Flusskilometer 385. Er ist Mensch. Er ist Wir. Und weil ich Mensch bin, bin ich er und er ist ich und so könnte es weitergehen in einer ewig escheresken grafischen Simulation, in der das Eine das Andere schluckt und das Andere das Eine. Wieder und wieder und wieder. Schön anzusehen in seiner strukturellen Klarheit wie so viele von Eschers Grafiken.

Diesem Wahnsinn nahe radelte ich weg vom großen deutschen Fluss, westlich in Richtung Heimat und versuchte mir entlang des Flüsschens Lauter vorzustellen, wie denn das Flusssystem Rhein aus der Luft aussieht. Das ist nämlich weit mehr, als nur eine Linie, die das Land durchschlängelt, mehr als nur das Flussbett, das wir gemeinhin als Rhein bezeichnen. In Gedanken bezog ich alle dem Rhein zufließenden Gewässer mit ein in meine Karte. Die Aare, Kinzig, Sauer, mehrere Ills, die Lauter, Bregenzer Ach, Neckar, Main, Nahe, Mosel und sogar die Saar. All diese Gewässer gehören zum Flusssystem Rhein, das erst bei den Wasserscheiden auf Bergkämmen endet. Ein Tropfen, der in diesem halbeuropagroßen Gebiet zwischen Alpen, Schwarzwald, Vogesen, Jura, Rothaargebirge, Westerwald und wie sie alle heißen, niedergeht, landet unweigerlich irgendwann im Rhein. Jede Spucke, jeder Kaugummi, Urin, Abwasser, Kondome, Chemie, Tampons, achtlos weggeworfene Papierfetzen, jede Flaschenpost, die in dem Flussystem verschickt wird, muss irgendwann nach Rotterdam. Wir alle leben am Fluss. Oder Vorfluter, wie der Wasserbauingenieur vielleicht sagen würde.

Ich stellte mir das Flusssystem des Rheins als eine Art ziseliges Oval vor, das sich zwischen Alpen und Nordsee hinzieht. Mittendrin schlängelt sich das Flussbett. 

Die Lauter und weitere kleine Pfalzrinnsale kamen mir vor wie ein Wurmloch, durch das ich in eine andere Welt trete. Weg vom Fluss, dem Vater, dem Freund, raus aus dem Reiseleben. Der Zustand des Dahintreibens würde beendet. Des Beobachtens und Erlebens und live am eigenen Buch Schreibens. Ich stellte mir vor, daheim angekommen, mich aufs Schreiben zu konzentrieren und endlich all die Buchideen, die mir seit Jahren im Kopf gaukeln zu verwirklichen. Dazu müsste ich mich nur abwenden von all dem ‚Echten‘, was auf mich einprasselt, während ich die Welt durchwandere oder durchradele und über die ich in den Flussnoten und früheren Blogprojekten schrieb und in meinem Innern eine Traumwelt anzapfen. Eine selbstgestaltete fiktive Welt, in der ich Herr über ausgedachte Marionetten wäre.

Das übliche Loch tat sich auf, wie es das immer tut, wenn ich daheim zum Stillstand komme und nichts mehr erlebe, außer ein bisschen Garten, Katzen, Daheimgebliebene, Telefonate und hie und da ein plötzlich auftauchender Mensch.

Zwei Tage brauchte ich, um mich von den Reise- und Schreibstrapazen zu erholen. Dann stellte sich Alltag ein. Termine wurden wieder echt und wahrnehmbar. Frau SoSo kam freitags zu Besuch. Gestern machten wir eine Autotour nach Hessen. Weit hinter Frankfurt war unser Ziel bei lieben Freunden. Nur einen Tag hin, den anderen zurück. In einem halben Tag rasten wir mit dem Auto durchs deutsche Autobahngemetzel eine Strecke, für die wir zu Fuß drei Wochen gebraucht hätten. Gelber schwefeliger Himmel.

In den Siebzigerjahren, sagte ich zu Frau SoSo, war der Himmel noch klar und blau und die Wolken weiß. Wir haben seither ganze Arbeit geleistet auf diesem Planeten, um ihn so zu patinieren. Sicher? fragte Frau SoSo. Weiß nicht. Aber meine Erinnerung sagt ja. Flieger wie Endzeit über dem Rheinmainairport.Vier, fünf Autobahnspuren. Gemetzel, Wut,  Rücksichtslosigkeit. Stau und Hitze und Gestank. Autofenster offen. Keine Klimaanlage. Kann man das atmen? Man muss.

Der Zustand der Welt gefällt mir nicht. Alles ist krank. Erst bei den Freunden richtet mich deren Funke Hoffnung wieder auf und als ich morgens im Gästebett aufwache, weiß ich, wie es weitergehen muss mit mir. Demütig das große, scheinbar Zermalmende hinnehmen, das Weltgeschehen geschehen lassen ohne zu hadern, weil einen das Hadern ja nur kaputt macht und den Funken, der in einem glimmt, der in uns allen glimmt, nutzen, um das wenige Gute zu tun, was man beitragen kann unter all den Milliarden, die wir sind.

Auf dem Rückweg rasteten wir nahe Mainz in einem Gewerbegebiet abseits der Autobahn. Noch vor fünf Jahren stand hier kein Haus, lagen Felder. Nun ein Wohngebiet. Eine Imbissbude, vier fünf kleine Firmen, Bushaltestelle. Das Ackerland geschrumpft. Wir saßen auf dem Feldweg einer Gassistrecke. Das erste Wohnhaus ganz nah. Eine Kiefer im Garten. Ein Nussbaum. Jemand hatte eine Paprikapflanze am Wegrand ausgesetzt. Winzige Früchte.

Ob wir den Mittelpunkt des Rheins, also des Flusssystems Rhein erreicht haben, fragte ich mich. Sieht es so aus zur Mitte des Flusses? Ein Frankfurt, ein Wiesbaden und ein Mainz, schäbige Gewerbestraße, Busanbindung, eine Traube Feierabendmenschen, die im Bushäuschen warten und nach Hause wollen, von Wasser keine Spur und an der Autobahnauffahrt stehen zwei Zimmererwandergesellen und trampen nach irgendwo am Fluss?

Ich öffne die Flasche. Der Geist ist frei. Er türmt sich wie ein Drache, dessen Kopf bei Düsseldorf endet. Wäre nicht das niederländische Flussdelta, hätte er einen unheimlich mächtigen Körper und aufgefaltete Flügel aus Main und Mosel und eine fies schlanke Taille dort wo die Donau entspringt. Und eine giftige Feuerzunge nahe Höxter oder Xanten.

Im Bild blau der Rhein, schwarz die Wasserscheide und rot unser Mittelpunkt in Mainz-Winternheim. 

Skizze des Flusssystems Rhein mit ungefährem Mittelpunkt nahe Mainz 

4 thoughts on “Reise zum Mittelpunkt des Rheins by Irli | #flussnoten


  1. Der Ouroboros namens Rhein als Gleichnis für mich, für Dich, für unterwegs und zuhause …

    Ähnliche Gedanken heute bei mir — vielleicht doch niht ähnlich, aber in dieselbe Richtung weisend. Um Deinen Optimismus beneide ich Dich noch immer …

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