Die löchrigen Socken der Erinnerung | #flussnoten

By Irli.

Ich frage mich, wie es so weit kommen konnte, dass ich die Pfalz jemals verlassen habe. Die Pfalz ist schön. Die Pfalz ist gut. Die Pfalz ist lieb. Sie hat alles, was das Herz begehrt: Wälder, sanfte Hügel, Bächlein, kleine Dörfchen, wenig Lärm und Lästiges. Vielleicht ist es die Verlockung der Spur, die einen nach und nach anfüttert und auf der man sich Meter um Meter, Kilometer um Kilometer immer weiter fort bewegt, hie mal ein weniger schönes Stück Land in Kauf nimmt, da mal ein Auge zudrückt, tief Luft holt, Augen zu und durch, vorbei an der Müllverbrennungsanlage, ohrenbetäubt weiter weiter weiter an irgendeinem Werk vorbei, mit gerümpfter Nase ein kurzes Stück Weg überbrückt, denn das Hässliche liegt wie Rosinen zwischen all dem Schönen, das uns umgibt, denn ist es nicht überall auf der Welt schön und hässlich zugleich, günstig und garstig, liegt nicht die Pittoreskizität allen Menschseins eingebettet in auch mal weniger Schönem? Die Antirosinen in einem großen Weltenkuchen.

Niederschlettenbach. Die Kirchturmuhr schlägt acht. Das kleine Flusstälchen, ich glaube, es ist die Lauter, liegt still unter Morgennebel. Kälte kriecht am Zelt. Tau hat Tropfen gebildet. Ein Vogel gurrt, andere zwitschern, der Bach rauscht. Ich sitze auf einer Parkbank auf dem menschenleeren Jugendzeltplatz, Müde alte Sonne wälzt sich über den Horizont. An den Morgengeräuschen kann ich mich kaum satthören. Ab und zu zischt ein Auto auf der Landstraße hinter mir. Kaffee. In der Mitte der großen Wiese ist eine Feuerstelle, von Kiefernstämmen umrandet. Noch vor ein paar Wochen, als ich die Flussnotenreise unterbrach, standen hier zig Wohnwagen, Zelte, Grillgerätschaften, spielten Kinder, saßen Erwachsene in Gruppen beisammen, aber der Sommer ist vorbei. Was geblieben ist, sind vergilbte Rechtecke auf dem Boden, dort wo die Wiese eine Weile unter Zelten überleben musste.

Der gestrige Tourstart zum letzten Drittel meiner Flussreise war chaotisch. Irgendwie hatte mir die Hitze jegliches Einschätzgungsvermögen aus dem Hirn gebrannt, hatte mich träge gemacht und denkunfähig, so dass am Morgen noch unklar war, wie ich überhaupt den Tag verbringen würde: würde ich in Zweibrücken den Zug nehmen und bis nach Wörth fahren, also fast bis nach Karlsruhe und direkt wieder einsteigen in die Flussnoten? Gut möglich. Ich saß unterm heimischen Nussbaum und dachte im Kreis und dachte, ich könnte auch daheim bleiben. Wozu schreiben? Wozu reisen? Wozu reisen und darüber schreiben? Warum überhaupt der Rhein? Seit der Rheinromantik im vorletzten Jahrhundert ist der Fluss doch längst totgeschrieben, wurde alles gesagt, gejambt, getrochäet und daktylisiert.

Es gibt nichts Neues, was ich über den Rhein schreiben könnte.

Ich könnte auch hybridradeln, dachte ich mir unter dem Nussbaum sitzend. Erstmal runter bis zur Bahnlinie, die entlang der französischen Grenze bis zum Rhein führt und dort in einem der kleinen Bahnhöfe in einen Zug steigen und ein paar Kilometer fahren. Das würde mir die gefühlsmäßig ausgeleierte Strecke nahe daheim, entlang des Schwarzbachs ersparen, die ich doch zur Genüge kenne.

Erst um die Mittagszeit brach ich auf, verpasste den Zug in Contwig um ein paar Minuten, radelte weiter, weil warten so unerträglich ist an einem verlassenen Pfalzbahnhof, um ein paar Stationen später den nächsten Zug zu erwischen, verpasste auch diesen und radelte und radelte und war glücklich. Eingelullt von einer so-sollte-es-immer-sein-Hitze und umspielt von Lebensmittelläden. Die Versorgung für den Körper und die Seele und das Gemüt ist perfekt in der Pfalz. Die Menschen sind nett. Meistens.

Was hat das denn mit dem Rhein zu tun? Die Pfalz ist Rhein. Sie liegt im Einzugsgebiet des Flusses. Der erweiterte Flussbegriff nach Irgendlink sagt, der Fluss endet erst an seiner Wasserscheide. Dort, wo ein Tropfen, wenn er fällt, sich erst entscheiden muss, ob er in diesen oder in jenen Fluss fließen will. Eine Art Mini-Wasserscheide erreichte ich zwischen Münchweiler an der Rodalb und Hinterweidenthal. 330 Meter hoch über einem Bahntunnel führt der Radweg durch dichten Wald. Was hier fällt an Regen, das fließt entweder sechs Flüsse weit Richtung Westen über Rodalb, Schwarzbach, Blies, Saar, Mosel und landet erst bei Koblenz im Rhein, oder es fließt nach Osten über Queich oder Lauter bis in die Karlsruher Gegend. Berauschender Gedanke, nicht? Zumindest aus der Sicht des Tropfens.

Du bist kein Fluss. Das muss ich mir immer wieder sagen. Durch die Beschäftigung mit dem Rhein erlange ich manchmal jene Art Minimalwahnsinnszustand, in dem ich alles, was mir passiert oder wie ich handele oder denke oder fühle, versuche, auf das Wesen Fluss zu übertragen. Der Fluss wird für mich dann lebendig, mit einer Seele versehen, empfindungsfähig und in der Tat, das ist auch ein alter Hut, kann man durchaus einen Vergleich ziehen mit dem Lebensfluss eines Menschen und dem ganz profanen Fluss des Wassers. Wie wir uns verändern, wachsen, stärker werden, wütend zerstören, nähren, beleben, all das.

Niederschlettenbach also. Fast durchgängig erreichte ich den Ort auf Radwegen. Das Stück ab Hinterweidenthal ist besonders schön. Es schlängelt sich zunächst an einem etwa acht Kilometer langen Planetenweg, man durchradelt quasi das Sonnensystem ab der Sonne bis zum Neptun und findet auf Tafeln und Monumenten einiges Interessantes über die einzelnen Planeten. Später gibts Quellen, Wald und roten Fels. Der Radweg heißt Paminaradweg, sehr zu empfehlen.

Auf meiner inneren Wäscheleinen hängen die Ereignisse des gestrigen Tages und wenn ich nur über Äußerlichkeiten bloggen würde, würde der Blogbeitrag ungefähr so aussehen: Geldbeutelfund neben dem Bordell Biebermühle. Ich brachte den fast leeren Rindsledernen zur örtlichen Gemeindeverwaltung. Nur noch abgenutzte Fahrkarten und ein paar Münzen waren drin. Wespe in Münchweiler sticht ohne Grund. Das Dorf wirkt elend. Weitere Ereignisse auf die Leine? Es fällt mir nicht mehr ein. Die löchrigen Socken der Erinnerung …

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