Parforce-Ritt nach Bonn | by Irli #flussnoten

Heieiei, mal wieder eine superüppige Volletappe gestern, bei der ich mächtig auf die Tube drücken musste, denn ich war fest verabredet, um beim Post-SV im Kanuverein zu Bonn ein Übernachtungsdomizil zu erhalten.

Im Kopf hatte ich mir die Bleibe schon schön schnuckelig ausgemalt: Wieschen am Rhein fürs Zelt, ein paar Bäume und Gartenstühle, mehr braucht es nicht. Insgeheim gaukelte ein Bild vom Mainzer Winterhafen wie er früher einmal war. Ohne gentrifiziertes Neubaugebiet mit alten Ziegelsteinbauten und Kastanienbäumen. Bei Rheinkilometer 659,2 sei das Clubhaus, sagte mir Gabi. Vermittelt wurde mir der Kontakt von Blog- und Twitterfreund Pit (siehe im vorigen Beitrag, den Frau SoSo in der Homebase gestern Abend verfasst hat).

Der Rheinradweg ist im Mittelrheintal – für meine Begriffe – grenzwertig. Von Premium kann keine Rede sein. Nur das Stück von Bingen bis Bacharach geht als Idyll durch, ab Bacharach verläuft der Weg direkt an der B9 bis er kurz vor Boppard wieder zum Idyll mutiert. Zugegeben, das Tal ist eng. Jeder nur halbwegs ebene Flecken wird von Menschen genutzt. Und es ist auch nicht ganz einfach, einen Radweg oder Wege überhaupt zu planen, sind es doch öffentlich zugängliche Linien, die seit Jahrhunderten protektierte Privatflecken durchqueren. Wohl dem, der auf einer alten Bahntrasse planen kann, wo er es mit nur einem einzigen Besitzer zu tun hat.

Linien sind hart erkämpfte Territorien im Reich der Punkte. Ich weiß, das ist mathematisch quatsch.

Mit fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig Sachen radelte ich auf dem Rheinradweg vorbei an so manchem Kleinod. Eigentlich müsste man hier von Dorf zu Dorf bummeln, von Stadt zu Stadt. Koblenz, Deutsches Eck, Seilbahn über den Rhein rüber zur wuchtigen Festung Ehrenbreitstein. Da sei eine Jugendherberge drin, erzählte mir ein Rheinsteigwanderer. 23 Euro koste die Übernachtung inklusive Frühstück. Sehr feines Haus. Über 1300 Höhenmeter ist er in den letzten Tagen auf dem berühmten Wanderweg gelaufen und war trotzdem nie höher als 300 Meter.

Next Exit Andernach. Der Kaltwassergeysir lockt. Es gibt ein Besucherzentrum. Ich hab ewig keinen Geysir mehr gesehen. Aber die Uhr tickt. Eine Besuchsrunde ab dem kleinen Geysirmuseum in der Stadt mit dem Schiff bis zum Geysir und zurück dauert zwei Stunden.

Dann noch eine Stunde Museum und Cafeteria … Bonn ist weit. Der Geysir sprudelt auch in hundert Jahren noch. Das Rheintal bleibt eng. Kurz hinter Andernach führt der Radweg einige hundert Meter direkt unter der Bundesstraße, die auf Stelzen verläuft. Erinnerungen an den Saarradweg bei Saarbrücken werden wach.

Next Exit Rolandseck. Das Arp-Museum ist schon zu. Gut so. Ich hätte es sowieso nicht besuchen können.

Twitterfreund und Nordkapradveteran @pattafeufeu hatte mir morgens angekündigt, dass mir zwei Kanadier entgegen rollen würden, die bei ihm in Leverkusen übernachtet hatten. Also frage ich alle verdächtig aussehenden Radlerduos mit viel Gepäck, ob sie aus Kanada kommen, zwei Australier auf dem Weg nach Griechenland gehen als Beifang ins Netz und unweit von Rolandseck stehen doch tatsächlich Kevin und Kirby am Radweg und sondieren die Karte. Wir haben jeweils noch etwa zwanzig Kilometer bis in unsere Nachtquartiere und es ist schon halb sieben, weshalb das Schwätzchen unter Reisenden etwas kürzer gerät. Die Dunkelheit drückt. Der Herbst naht. Regenwolken. Werden sie sich ergießen? Weiter weiter weiter, vorbei an Bad Godesberg, wo ich erstmals zwei Frauen in Burka sehe. In einem Radlerjahr kreuz und quer durch Europa zwischen Nordkap und Gibraltar. Nur zwei. Ich bin durch manche Großstadt geradelt und habe unzählige Flüchtlingsunterkünfte gesehen, vielleicht tausende Menschen, aber hier die ersten beiden Burkas. Zugegeben, das sieht unheimlich aus. Freund Pit klärt auf und verweist auf einen Artikel in der Welt: in Bad Godesberg gibt es eine bei Arabern beliebte Klinik. Sehr reiche Leute, die da hinkommen.

Kurz darauf begenen mir zwei Nonnen. Sähen nicht auch sie unheimlich aus, nahezu ähnlich verhüllt in grauen Uniformen mit weißen Hauben, wenn ich sie nicht schon öfter gesehen hätte? Fremdes. Es ängstigt. Noch beklommener ist das Gefühl, als ich an einer völlig zerfurchten, hinkenden, kaum vorankommenden Junkie vorbeirausche. Den eigenen Körper bis zur Perfektion zerstört und in der Not bettelnd, sich prostituierend, klauend, alles für den nächsten Schuss tuend als Fremdkörper im feinen Getriebe der Mittelschicht. Denn das ist es, was ich hauptsächlich beobachte auf den breiten Rad- und Wanderwegen durch feine Parks vorbei an Villen und Denkmälern und Pavillons nach Bonn hinein. Mit dem Rad-zur-Arbeiter überholen mich, das Jacket flattert, die feine Hose bis zum Knie hochgekrempelt, Schlangenlederschuhe womöglich. Jogger und Flaneure und auf dem Rhein ziehen etliche Ruderboote, Zweier, Dreier, Vierer und ein Übungsachter ihre Bahnen. Könnte das etwa wahr sein, was ich im Metalabor im Taunus gehört habe, dass die Gesellschaft es so will, dass manche Leute in Hartz IV gedrängt werden, um die Mittelschicht zu besseren Leistungen anzutreiben, da, seht nur, was passiert, wenn ihr nicht spurt, dann landet ihr auf der Straße, dann spritzt ihr Hasch, dann wird euch die Engelsdroge holen, ihr werdet schlampige billige Schuhe tragen und minderwertige Nahrung essen und in schimmligen Zweizimmerbuden hocken und tagein tagaus darum bangen müssen, dass man euch eure Leistungen nicht kürzt.

Bangen wir nicht alle, dass uns die Leistungen gekürzt werden? Der Eine um den Job; wenn er nicht funktioniert als Arbeitnehmer, dann fliegt er eben raus. Futsch all die schöne Wohlstandswelt, die feinen Kleider, der Jahresurlaub … der andere um die Almosen.

Ich schweife ab. Am unangenehmsten sind zwei torkelnde Jungs, die aggressiv um eine Parkbank tänzeln.

Rein nach Bonn. Unter der dritten Bonner Brücke soll ich Gabi anrufen. Ab da sind es noch zwei Kilometer zum Bootshaus. Kurz vor Dunkelheit erreiche ich den Ort. Es ist das zweitnördlichste Haus am Rhein. Gegenüber mündet die Sieg. Der Rhein hat Niedrigwasser. Ein Schild weist gen Köln, nur noch 32 Kilometer.

Die Wiese ist wie ich sie mir vorgestellt hatte. Aber ich darf sogar im Haus schlafen.

Ich glaube, ich habe mich in den Zeiten verhaspelt in diesem Artikel. Ich lasse es wie es ist, denn es ist schon bald 11 Uhr und ich will endlich raus, mir die Stadt anschauen.
Im Schneidersitz geschrieben und notdürftig enttippfehlert auf dem bequemen Sofa des Kanuclubs.

9 thoughts on “Parforce-Ritt nach Bonn | by Irli #flussnoten


  1. Du bringst es auf den Punkt! Es ist der Leistungsdruck, der uns nach und nach kaputtmachen wird. Es sei denn wir durchschauen ihn …

    Aber was dann?

    Danke für deinen Durchblick!


  2. Genau das ist es, oder sagen ich es so, auch Mützenfalterin, ihr Mann und ich kamen genau darauf, dass ersten die Arbeitslosigkeit während der 1970iger Jahre installiert wurde, dann war nämlich auch schon wieder Schluss mit dem Fortschritt: Mitspracherecht, Gewinnbeteiligung und 35Stunden-Woche, man hatte ein Druckmittel, wenn es dir nicht passt, vor der Türe warten iele, die sich die Finger nach „deinem“ Job lecken und es wurde perfektioniert und es wurde immer perfider. Nein, ich wiederhole deine Worte jetzt nicht, du hast es wunderbar (mal wieder) auf den Punkt gebracht! Selbstorganistion, Eigenverantwortung und Genossenschaften sind für mich mögliche Antworten- ich denke weiter …
    liebe Grüsse
    Ulli


  3. Hallo Juergen
    freut mich, dass Du gut angekommen bist und dass Dir die Unterkunft im Bootshaus der Kanuabteilung des PSV Bonn so gut gefaellt. 🙂 Schade nur, dass Du auf dem Weg dahin so hetzen musstest.
    So viel [bzw. wenig] einmal fuer jetzt, denn im Augenblick habe ich nicht viel Zeit, weil es gleich zum Einkaufen nach San Antonio geht. Bald mehr.
    Hab’s fein, und weiterhin safe bicycling,
    Pit


  4. Das mit dem „Beifang“ ist fein ausgedrückt!
    In Gedanken ziehe ich weiter mit dir – und an der Sieg, dem Fluss, der da in den großen mündet, bin ich aufgewachsen.
    Mach`s weiter gut!

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