Reise zur Quelle der Fotografie | by Irli #flussnoten

Dann Bonn. Ehemalige Hauptstadt der BRD, zur Bundesstadt degradiert. Wuchtig und groß mit allem Übel und allem Glamour, wie man es sich als Mensch vom Dorf, der ich nunmal bin, vorstellt. Museumsmeile, Langer Eugen, Rundfunksender, sogar eine Ubahn gibt es. Ein einziges Getümmel. Ich lege einen Tag Pause ein, um mir die Ausstellung ‚Der Rhein‘ anzuschauen. Was genau auf mich zukommt, ahne ich nur durch knappe Recherche auf dem Smartphone. Eine Betrachtung des Rheins und eine Fotoausstellung mit über hundert Bildern aus hundertfünfzig Jahren Rheinfotografie. Bresson sei dabei, Gursky usw.

Auf zur Bundeskunsthalle. fünf Kilometer zurück bis zum Eugen, dem wohl höchsten Gebäude der Stadt, sagt Gabi vom Kanuclub, dann rechts. Kaum zu verfehlen. Rein in die Bundeskunsthalle. Zwölf Euro Eintritt.

Die Ausstellung ist sehr umfangreich und betrachtet den Rhein über Jahrtausende. Dabei gliedert sie verschiedene Themen: Die höchst interessante Vermessung des Rheins etwa, der ich auf dem Radweg schon mit den alten Myriametersteinen begegnet bin und mit der ich seit hunderten Kilometern immer wieder konfrontiert werde in Form der heutigen Rheinkilometermarken, riesige, vielleicht vier Meter lange weiße Schilder mit den jeweiligen Kilometern. Meine geradelte Strecke lässt sich mittlerweile auch beinahe exakt in Rheinkilometern kartografieren. Der Radweg führt seit Bingen fast immer direkt am Fluss. Rheinbegradigungen und das Mysterium des mäandrierenden Flusses wird bildlich und in Filmen dargestellt. Weitere Themen sind der Rhein und die Römer, der Rhein und die Kirche – einst nannte man den Fluss auch Paffengasse wegen der vielen Dome – der Rhein und der Krieg, der Rhein und die Revolution. Napoleon, Hambacher Fest, Pipapo. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, auf alles genau einzugehen. Man kann viel lernen über den europäischsten aller europäischen Flüsse und man benötigt viel Zeit in der Ausstellung.

Wo sind die Fotos, von denen ich gehört habe? Außer einem Bild von Andreas Gursky, das den Niederrhein in bereinigter Flachlandlage zeigt, und einem Bild bei dem sich ein ungestümer Junge von der Plattform des Rheinfalls in die Gischt stürzt, gibt es keine Fotos in der Ausstellung. Stattdessen römische Skulpturen und Reliquienschreine, alte Karten und Modelle von Burgen.

Ein Film über den Fluss und das Projekt läuft in einem Kinosaal. Der Moderator fragt die Interviewten stets: ‚Ohne den Rhein Pünktchen Pünktchen Pünktchen‘ und sie müssen dann spontan eine Antwort geben. Was würde wohl ich antworten?

Äh?

Wo sind die Fotos, frage ich beim Verlassen. Sie sind im Landesmuseum, nahe des Bahnhofs. Nichts wie hin. Der geplante Urban Artwalk, bei dem ich Bonn fotografisch inszenieren wollte, fällt dann wohl flach.

Im Landesmuseum fragt man mich, ob ich ein Kombiticket haben möchte. Aha. Es hätte also für sechzehn Euro eine Eintrittskarte für beide Ausstellungen gegeben, bei der Kunsthalle stünde das auf einer Tafel. Liebe Ausstellungsmacher, wenn man als unbedarfter Besucher die große Halle betritt, muss man sich erst einmal orientieren und man geht dabei erst einmal zu Menschen und holt seine Infos ein. Im Foyer der Bundeskunsthalle gibt es für den unmittelbar eintreffenden Besucher so viele Eindrücke, dass er nicht unbedingt eine Hinweistafel entdeckt. Zudem ist der Andrang nicht so groß, dass man jeden Einzelnen nicht auch an der Kasse auf das Kombiticket hinweisen könnte. Egal. Die Kasse am Landesmuseum verkaufte mir und etlichen weiteren Verirrten, die das gleiche Problem hatten ein Ticket zum halben Preis.

Die Fotoausstellung ist klasse. Man läuft rückwärts durch die Zeit und erlebt Fotografie von 2016 bis 1853. Viele verschiedene Positionen. Schon gleich zu Beginn findet sich das Making Of von Andreas Gurskys Rheinbild, das schon in der Bundeskunsthalle zu sehen war. Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger hatten Gurskys ‚Rhein II‘ im Studio nachgestellt und den Rhein, so wie Gursky ihn fotografierte mit Kunstrasen und Folie nachgebaut. Täuschend echt, mit Pinseln und Farbrollern neben der Szene und einem wattebauschigen, künstlichen Himmel. Einfach köstlich.

Von Raum zu Raum geht es flussgleich zurück zu den Quellen der Fotografie. Dabei ist deutlich Geschichte erlebbar. Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, die fetten Jahre in knalligen Achtziger-Jahre-Farben, Punker, Industrie, Touristenleben. Sowohl die Themen, als auch die Jahre bilden dabei Gruppen und man könnte auch ohne Erklärung an Hand der Bildsprache erkennen, wann ungefähr die Aufnahmen gemacht wurden. Das Martialische Gebaren in der NS-Zeit etwa, Rheinromantik um 1900, Industrie in der Nachkriegszeit bis hin zu völlig abstrakten Themen. Gabriele Pütz‘ ‚Wegweisungen‘ etwa zeigen Hydrantenhinweisschilder, wie man sie oft am Wegrand findet, jene gelben oder weißen kryptischen Plaketten mit Linien und Zahlen darauf. Sie hat ihnen Bibelzitate gegenübergestellt. Großartig.

Zur Quelle der Fotografie hin schwindet nach und nach die Farbe, findet man händisch colorierte Fotos und landet schließlich im Jahr 1853 vor vier Bildern des Pariser Fotografen Charles Marville. Sie sind abgedeckt, um sie vor dem Zerfall durch Licht zu schützen. Man muss den Stoff anheben, vorsichtig äugend. Die Bilder sind keine Meisterwerke, lieblose Perspektiven, nassforsche Gehversuche eines jungen Mediums. Hier stehe ich also bei der Quelle der Fotografie, jung und neugierig und experimentell entspringt sie am großen Barytsee, wo sich die Lichtbildnerei in Kaskaden durch die Chromsilberstereotypiedingsda in die Tiefe stürzt, um einmal der mächtige Strom zu werden, der sie im heutigen Zeitalter der Smartphonefotografie geworden ist.

13 thoughts on “Reise zur Quelle der Fotografie | by Irli #flussnoten


  1. Hej, du hast sie gefunden, die Rheinausstellung von der ich nur hörte und nicht mehr wusste wo. Klasse! Wenn du mir jetzt noch verrätst wie lage sie anzuschauen geht, dann kann ich überlegen, ob ich sie auch noch besuche …

    Wie passend, nicht wahr, dass du gerade jetzt diese Ausstellung sehen konntest! ich freue mich gerade sehr für dich und mit dir.
    Herzliche Grüsse
    Ulli


  2. Hallo Jürgen,
    nun bist Du also wohl schon wieder unterwegs, weg aus dem „Bundesdorf“, wie wir früher immer zu Bonn gesagt haben. Schade, dass Du für Bonn nur einen Tag hattest. Es hätte bestimmt so viel zu sehen – und zu fotografieren – gegeben, vom alten [gründerzeitlichen] Bonn bis zum neuen, mit dem UN-Campus im ehemaligen Regierungsviertel. Aber wenigstens hast Du ja, ganz passend zu Deiner Tour, die beiden Ausstellungen ueber den Rhein gesehen.
    Hab‘ weiterhin eine gute Reise, und safe bicycling,
    Pit
    P.S.: ob Gabi Recht hatte, dass der „Lange Eugen“ (immer noch) das höchste Gebäude in Bonn ist, das muss ich mal recherchieren. Ich dachte, mittlerweile hätte der Post-Tower ihm den Rang abgelaufen.


  3. P.S.: gerade gecheckt. Gabi hatte nicht Recht. Ungewoehnlich, denn normalerweise ist sie da sehr zuverlaessig. Aber seit 2002 schon ist der Post-Tower mit 163 Metern das hoechste Gebaeude in Bonn. Der „Lange Eugen“ ist nur 114 Meter. Um den Bau des Post-Towers hat es uebrigens unheimliche Kontroversen gegeben, weil er nach Ansicht vieler Buerger das Rheintal verschandelt. Und auch, weil eine unheimliche Stromverschwendung betrieben wird, wenn naemlich des nachts die ganze Fassade erleuchtet ist.


  4. Großartig. In der Ausstellung war ich bisher nur aus Versehen noch nicht, aber ich hätte sicher denselben Fehler gemacht. Also, das wird dann demnächst in der korrekten Reihenfolge angegangen.
    Viel zu sehen an meinem Lieblingsfluß, das freut mich sehr!

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