Nutzvieh für einen Euro by Irli | #flussnoten

Besitz, wo man nur hinschaut. Der Reisendenkomplex, den ich bilde, ist fast wie ein kleines Universum aus Besitz. Eine Art Sternenwolke, in dessen Zentrum ich stehe und alles, dessen ich habhaft werden kann, ansauge. Das Radel und alle Einzelteile, die fest daran verbaut sind, Bremsen, Licht, Bowdenzüge, Schrauben. Packtaschen, Zelt, Kocher, Schlafsack. Ein Rattenschwanz an Kleinteilen, Werkzeug, Handy, Kabel, Ladegeräte, Adapter, Zahnbürste, Rasierzeug, Klopapier Blatt um Blatt. All das gehört mir und nur ich darf es benutzen. Natürlich kann ich all das auch teilen, verleihen, herschenken, verlieren, mehren, horten, schleppen, liegen lassen oder vergessen.

Ein Schnappschuss meiner Existenz als denkender, reisender, kreativer Lebensprozess macht jedoch klar, das Meiste, was mich umgibt als Besitz, brauche ich auch, um als Prozess überhaupt laufen zu können. Ich muss schlafen, den Körper mittels Kleidung warm halten, ihm Nahrung zuführen, brauche das Radel oder mindestens ein paar gute Schuhe, um vorwärts zu kommen, brauche das Handy, um den kreativen Reiseprozess, den ich durchlebe, zu schreiben und mitzuteilen. Ähnlich wie ein Schwarzes Loch stehe ich inmitten all der Gegenstände, die Kaufkraft nimmt im Kern meines Schwarzen Lochs eine unheimliche Größe an.

Der Bodensee ist meine radlerische Kinderstube. In den späten 1980er Jahren radelte ich gemeinsam mit meinem Vater und manchmal auch Freunden einmal im Jahr von der Heimat in der Nordpfalz über den Schwarzwald hierher. Wir umrundeten den See und radelten wieder zurück. Innerhalb von jeweils neun Tagen legten wir dabei knapp 1000 Kilometer zurück. War ich damals schon Künstler? Reiseschreiber? Hatte ich damals schon eine Ahnung, wie ich mich entwickeln würde? Dass ich die Nordsee umradele? Ans Nordkap, nach Gibraltar? Dass ich darüber schreiben würde. Und direkt publizieren? Dass ich einmal beladen mit all dem Rattenschwanz an technischem Zeug ein virtuell echtes Avatardings werden würde, das denkend schreibend kreativ einen Reiseprozess durchlaufen würde und ihn darstellen würde?

Damals war gerade mal der C64 erfunden. Computer waren schwere, lahme Krücken. Was zum spielen. Teuer. WLAN und Mobilnetz? Unvorstellbar. Touchscreen? Sowas wie Raumschiff Enterprise.

Meist radelten wir in einer der Feiertagswochen Ende Mai oder in der Woche des 17. Juni, dem alten BRD-Nationalfeiertag. Los gings immer samstags und sonntags in der Folgewoche waren wir wieder daheim. Es gab kaum Radwege. Oft ächzten wir die B 500 hinauf in den Schwarzwald. Erreichten bei Ludwigshafen den Bodensee, schliefen in der Konzertbühne im Kurpark. Zelt hatten wir keins. Wir schliefen draußen oder in Neubauten, wo uns siebenuhrfrühe mürrische Bauarbeiter weckten, lagerten in Sägewerken, Schuppen, unter Traktoranhängern, mal auch in einer Skiliftstation. Es regnete immer. So will es meine Erinnerung. Das Gepäck bestand aus nur wenigen Gegenständen weit weniger als das, was ich nun an Besitz mitschleppe.

Gestern brachte Frau SoSo mich und all meinen Besitz zum Endpunkt unserer gemeinsamen Reise am Neuen Rhein bei Fußach, Österreich. Wir spazierten hinaus in den See, folgten dem Damm fast sechs Kilometer weit, der wie Lippen, aber verloren, in das warme Seewasser führt. Baggerarbeiten, Kiesfrachter. Blechgeschepper. Pralle Sonne. Wir badeten. Schwäne. Dammflora. Wir kehrten ein und aßen etwas in einem Restaurant beim FKK-Strand.

Gegen halb sechs im Sattel. Frau SoSo reihte sich in den Grenzstau ein. Durch den Schweizer Nationalfeiertag war er besonders lang. Viele Schweizer hatten den freien Tag genutzt, um in Östereich einzukaufen.

Vorbei an Bregenz auf dem gut beschilderten Bodenseeradweg. Die Seebühne mit ihrem Nachbau der chinesischen Terrakotta-Armee. Bis zum Hals stehen die Figuren im Wasser. Die Bühne ist wuchtig und eng. Paar Touristen, viele leere Stühle, riesige Scheinwerfer. Staatsbesitz. Alles ist besessen, wird mir abends bei der Lagerplatzsuche klar. Keine Freiräume. Hier kann ich nicht einfach mein Zelt auf eine Wiese stellen. Es gibt massenhaft Campingplätze, die mir aber zu voll sind. Enge. Dicht an dicht kauern Bodenseeradreisendenzelte und Wohnwagen. Campingverbotsschilder, Naturschutz. Der Teer des Radwegs gehört den Gemeinden. Die Parkbänke, Straßenlaternen, Leitplanken, einfach alles ist Besitz.

Sind wir Menschen so? Verwandeln alles in Besitz und nehmen es der Natur? Die ersten Tage der Wanderung in den Bergen kommen mir in den Sinn. Verhältnismäßig wenig Menschenspuren. Schmale Trampelpfade, Fels, Schneefelder, Enzian. War ich da freier? Nein. Die Natur war mein Gegner. Hier ist es der Mensch. Hier kann ich mich freikaufen.

Ein kahlgeschorener Kerl kommt mir entgegen auf dem Radweg. Rucksack, Sandalen, freundliches Lächeln. Ohne das Lächeln hätte ich ihn für einen Fremdenlegionär gehalten. Er quatscht alle Entgegenkommenden an, haben Sie ein bisschen Geld für mich. Die beiden Spaziergänger vor mir gehen erschreckt weiter. Ich kehre um, radele huntert Meter zurück, krame eine Münze raus, drücke sie ihm in die Hand. Gott vergelts. Darf ich Ihre Felgen putzen, lacht er, Politur müssen Sie aber selbst mitbringen. Irgendwann gerne, sage ich. Und so ziehen wir beide weiter in unsere Richtungen. Wie beneidenswert leicht sein Leben wirkt und wie schwer es vielleicht ist. Sein Lachen und Singen hallen nach. Wo er wohl unterkommt diese Nacht?

Vorbei an Gasthäusern und Ferienwohnungen. Touristen allüberall. Die Terrassen sind voll. Schnitzelgeruch liegt in der Luft. Nutzvieh, denke ich, nicht abfällig verurteilend, verachtend, sondern nüchtern feststellend. Wir Menschen sind einander das beste Nutzvieh, das man sich überhaupt vorstellen kann. Jede Gasthausterrasse ein kleiner Stall. Noch vor wenigen Stunden waren auch Frau SoSo und ich Nutzvieh im FKK-Restaurant.

Nun versuche ich wildes Tier einen Unterschlupf zu finden. Ein Erdloch, eine Höhle. Kein Neubau oder eine Konzertbühne so wie früher, sondern ein einfaches Plätzchen fürs Zelt. Das Seeufer taugt dafür nicht. Es ist zu restriktiv. Zu privatbesessen. Zu mastanstaltig. Ich ächze den Radweg hinauf nach Wangen, überquere die Autobahn, finde jenseits von Berg ein Wäldchen. Halbfrei, so frei wie hier möglich am Rand eines Naturschutzgebiets. Bei Tieren. Ein Jäger dürfte das Jagdrecht besitzen.

Ich frage mich, ob die Gabe von einem Euro an den lachenden Wanderer auch in mein Nutzviehkonzept passt.

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