Die Pufferzone des Verzeihens | by Irli #flussnoten

Tausende Kilometer weit Geräusche, Windspiel, Lüfte, Färbungen am Himmel, Spiegelungen im Wasser. Das war der Rhein von der Quelle bis zur Mündung. Erwandert, erradelt, erschwitzt, gefühlt, gesehen, erlebt. Eine Odyssee der Beobachtungen geht zu Ende in Hoek van Holland. Die Steine, die uns in den Alpen an den vielen kleinen Stränden am noch jungen Rinnsal begleiteten, die wir teils einpackten, schleppten, meist liegen ließen … ob es je einer von ihnen den gesamten Fluss hinab geschafft hat und hier bei der Mündung zu liegen kam? Zerrieben zu Sand mischen sie sich mit dem, was das Meer in ruckartigen Kontraktionen an Land spült. Ein zig Kilometer langer und hunderte Meter breiter Strand zieht sich nördlich, also rechts der Mündung an der Küste entlang. Luststrand. Ihm gegenüber, südlich, türmen sich Menschenbauwerke. Vielleicht eine Raffinerie? Krane, Ladevorrichtungen und dazwischen stehen die Ozeanriesen Schlange, um in die Häfen einzulaufen. Kriegsschiffe laufen aus. Yachten und Frachter, Lotsenboote vielleicht. Auf der Mole, die sich rechts des Rheins bis in die Nordsee reckt, flanieren Menschen. Touristen, Angler, zwei französische Rennradler, woher sie wohl kommen, die beiden kaum beladenen Radler? Aus Orléans, Strasbourg oder Paris, ob sie den Rhein ‚gemacht‘ haben, so wie ich, ob sie glücklich und ergriffen sind, so wie ich?
So sitze ich beim finalen Flusskilometer 1032,6, der mit einem gelben Schild markiert ist. An der Betonmauer lehnend. Schneidersitz. Solarzelle liegt aus, kräftige Herbstsonne, das Smartphone ist durch intensive Fotosession fast leergespielt. Eine Möwe sitzt neben mir und beobachtet mich, ob ich nicht doch ein bisschen Brot habe. Soll ich schreiben? Jetzt, hier? Oder lieber beobachten und erleben und sacken lassen? Vier Ruhrpottmenschen schlendern herbei, zünden sich Zigaretten an, was im warmen Seewind gar nicht einfach ist. Einer packt Brot aus und füttert die Möwe. Sie frisst aus der Hand. Ich bitte um ein Foto, Ich, Möwe, Solarzelle und Rad. Wie ein Bettler sitze ich da. Ohne Becher. Der Mann drückt mir das Brot in die Hand. Jetzt Du, Möwe füttern, ich fotografiere Dich, sagt er, also spiele ich das Spiel mit. Die Möwe hackt auf meine Hand ein und er schießt ein Foto von mir und dem Tier und dem Brot, legt dabei den nikotingelben Finger halb vor die Linse, so dass das Foto später aussieht, als lande ein UFO, während all das geschieht.

Längst schwingt im Kopf die Rückreiseproblematik und überlagert zum Teil die an sich unbeschwerte Szene. Ich hatte morgens versucht, über die Bahn-App auf dem Smartphone eine Verbindung nach Süden zu finden inklusive Fahrradmitnahme und Buchungsmöglichkeit für einen reservierungspflichtigen Stellplatz des Radels im IC entlang des Rheins. Nun, da ich dies schreibe, weiß ich, dass es nicht geht. Punkt aus. Ich hätte das Ticket in einem Reisezcenter der DB buchen müssen. Das nächste Reisecenter ist aber hunderte Kilometer entfernt in Wesel, unweit der holländischen Grenze. In Hoek van Holland gibt es zudem nur Automaten, um Fahrkarten zu kaufen. Der große Hafen, in dem die Schiffe nach England ablegen, ist ein Kaff.

In meiner Not kam also Plan B ins Spiel. Das Radel wird zerlegt und in eine Kiste gepackt mit all den anderen Campingsachen und per Gepäckstück wie so ein Koffer einfach im Zug mitgenommen. Radladen suchen, es gibt zwei in Hoek, Kiste reservieren (einen Karton, in dem der Laden seine Neuware erhält), Weg zum Bahnhof auskundschaften. Etwa 400 Meter sind es vom Radladen im Zentrum Hoeks bis zur Bahnstation am Hafen. Mit vierzig Kilo. Puh, das wird ein Spaß. Vier Stunden, bevor der Zug geht, den ich schließlich gebucht hatte, fange ich mit der Demontage des Radels an. Das Gepäckstück soll so klein werden wie möglich, alles muss ab. Pedale, Sattel, Schutzbleche, Lenker quer. Nach einer Stunde stehe ich vor einem Karton etwa 1,20 Meter lang, einen knappen Meter hoch und vielleicht zwanzig Zentimeter dick. Ob das gut geht? Ich male mir Horrorszenarien aus, bei denen die Umstiege für den fest gebuchten Zügen wegen meiner zu erwartenden Langsamkeit schief gehen oder mich ein Schaffner gar nicht erst einsteigen lässt.

Völlig grundlos, kann ich nun sagen. Die ersten beiden Züge zwischen Hoek und Rotterdam nehme ich wider der festgebuchten Verbindung zwei Stunden früher – nach Liebfregen bei den jeweiligen Zugbegleitern, die lächelnd sagen, steig einfach ein, Junge. Sie wollen noch nicht einmal die Fahrkarte sehen. So lande ich schon um halb sieben in Utrecht. In die Dunkelheit hineinwarten, denken, mahlen, hoffen, Horrorszenarien noch immer und dann klappt alles wie am Schnürchen. ich sitze im Zug, der mich ohne weiteren Umstieg in neun Stunden nach Basel bringt. Das große Gepäckstück steht vor der Toilette neben den Mülleimern, festgebunden und niemand schert sich darum.

Im Zug schlafen fällt mehr oder weniger flach. Die Sitze sind etwas für Fakire, nichts für fünfzigjährige Reiseradler, die schon Probleme haben, sich die Schuhe zuzubinden. Obendrein sitzt nebenan ein seltsamer Chinese, der zwischen Arnheim und fast bis Köln versucht, das Zahlenschloss seines Koffers zu knacken. Mit Klickgeräuschen stört er das Brummen der Klimaanlage und ich bin auch neugierig, ob er es schafft. Immer wieder schiele ich über die Schulter, um zu schauen, wie weit er ist. Kurz vor Köln hat er die Kombination raus, fotografiert sie, öffnet den Koffer, holt eine Tasche heraus und beginnt an ihr zu nesteln. Zum Spaß fabuliere ich an einer Kurzgeschichte, die von einem Chinesen handelt, der eine lange lange Zugfahrt lang einen Koffer öffnet, eine Tasche herausholt, die Tasche öffnet und wieder eine Tasche herausholt, aus der er kleinere Taschen zieht und schließlich Beutel und Schatullen und was weiß ich noch alles. Das ist absolut scary.

In der Realität jedoch packt der Chinese die Tasche wieder ein und verstaut das Gepäck im Kofferständer und beginnt schließlich elend laut zu schnarchen. Von wegen, im Zug ist Schlafen unmöglich. Er kann es. Ein Pärchen nebenan, das nach Karlsruhe will rollt genervt die Augen. Ich kann ihnen dennoch ein Lächeln abringen.

In Basel hilft mir ein Mann beim Ausstieg mit dem schweren Gepäck. Gemeinsam steigen wir um in den Regionalzug, der den Hochrhein hinauffährt. Pendler an Bord, frühe Schüler, gemäßigtes Gemurmel. Wir kommen ins Gespräch. Er besucht die Liebste, die in der Schweiz lebt. Nur ab und zu treffen sie sich. Die Distanz aus dem Ruhrgebiet, wo er wohnt, bis hierher ist einfach zu groß. Ramsi heißt der Mann. Er arbeitet für die Malteser in einem Flüchtlingsdorf mit 1200 Einwohnern. Als eine Mischung aus Hausmeister, Lehrer und Coach hilft er den Menschen, das Dorf zu organisieren, die Baracken einer ehemaligen Kaserne neu zu streichen, Gärten anzulegen, bringt ihnen die Eigenarten des Landes bei, hilft bei behördlichen Dingen. Über allem gaukelt fette Bürokatie, so dass es einem schlecht werden kann, wenn man sieht, wie wir Menschen uns durch Regeln gegenseitig lähmen und das Leben schwer machen.

Ramsi kommt aus dem Kosovo. Zunächst floh er in die Schweiz, wo er seine Liebste kennenlernte, wo seine halbe Familie lebt, so sie denn überlebte. Später, nach Ende des Krieges, wollte er zurückkehren, konnte aber in dem korrupten Land keinen Fuß mehr fassen, kein Glück finden. Mit 16 hatte man ihn zum Militär eingezogen und er musste kämpfen. Ich frage nicht weiter wie und was und ob er tötete. Er erzählt von den Bürgerkriegszuständen, dass sie nachts in den Wald flohen, um zu schlafen, dass die Häuser geplündert wurden, dass man nie wusste, welche Seite ins Dorf kommt, ein Alptraum.

In Laufenburg hievte er mir das Radel aus dem Zug und fuhr weiter.

Morgennebel. Bahnsteig voller Pendler. Ich packe das Paket aus und montiere das Radel, wieder etwa eine Stunde lang. Frau SoSo weiß von alldem noch nichts, wähnt mich längst in der Pfalz. Am Telefon belüge ich sie, um sie später überraschen zu können. Die erste Lüge seit sieben Jahren. Es ist unangenehm, aber ohne Lüge keine Überraschung.

Fahrradmontage klappt prima und als das Radel schließlich gesattelt mit allem Gepäck vor mir steht, fällt mir ein Stein vom Herzen. So könnte es prima weitergehen, wohin auch immer. Bloß der Karton noch. Wo ist der Wertstoffhof, frage ich einen Jungen am Bahnsteig. Es gibt keinen. Nur im nächsten Dorf. Vier Kilometer weit weg. Erinnerungen an Gibrantiago werden wach, als ich den Fahrradkarton bei einem Möbelhaus organisierte und ihn unter dem Arm fünf Kilometer bis zu meinem Campingplatz schleppte. Nicht schön. Der Edekamarkt gegenüber des Bahnhofs hat schon offen. Vielleicht da fragen? Den Filialleiter finden, hochoffiziell um Müllkontingent fragen … was, wenn er nein sagt? Erst mal einen Kaffee und ein kleines Frühstück. Halbe Stunde später springe ich über meinen Bürokratenschatten und lasse den Karton einfach an der Wand lehnend stehen. Wohl wissend, dass sich wahrscheinlich ein Mitarbeiter darüber aufregen wird, aber ich habe kein schlechtes Gewissen.

Ich folge dem Rheinradweg bis zur Aaremündung, wie ich ihn in die entgegengesetzte Richtung vor gut anderthalb Monaten radelte. Müde. Sonne kämpft sich durch den Nebel. Beim Kernkraftwerk Leibstadt sacke ich auf eine Bank, schlafe ein, erwache erst drei Stunden später. Liebling, das war mein Nachtschlaf. Im Wachdösen sehe ich im Fluss Äste an mir vorbeitreiben, frisch geschnitten. Sie werden sich im Wehr fangen. Vielleicht verstopfen sie es? Vielleicht ärgert sich ein Schleusenwärter darüber? Die Häuser auf der deutschen Rheinseite spiegeln sich weiß im Fluss. Wie Zähne sehen sie aus. Ich phantasiere, sehe die Fische und die Vögel. Wie im Traum, in dem alles möglich ist. Bin ich der Fluss? Ist der Fluss ich? Das gute am Fluss ist, dass man von der Mündung zur Quelle zurückreisen kann, je nach Belieben. Mit dem Lebensfluss geht das nicht. Der Lebensfluss kennt nur die Härte und Wucht der Gegenwart. Galoppierend und unaufhaltsam und egal wie sehr man sich zurück oder nach vorne wünscht, man muss doch die Mäander und Katarakte der Gegenwart durchlaufen mit all ihren schönen und unschönen Seiten. Hast du gekämpft in irgendeinem Krieg? Wirst du es dereinst tun müssen? Wirst du dich für diese oder jene Seite einer polarisierten Gesellschaft entscheiden müssen, weil es im Niemandsland dazwischen irgendwann keinen Platz mehr für dich gibt, weil es zu unsicher ist?

Im Beobachten der Fische liegt so viel Menschentragödie, denke ich – der Fische und auch der Vögel – wie sie in der Region leben, die wir für sie lassen, ein Leben im Gift und der schwindenen Lebensräume und der selbstherrlich abgesteckten Reviere.

Plötzlich wird mir klar, was dieses Buch, die Flussnoten, für eine Aussage hat: Das Anthropozän, das ich in einem frühen Artikel an dieser Stelle erwähnt hatte, gibt es wirklich. Es ist ein Prozess auf diesem Planeten, der einfach abläuft. Das Menschzeitalter ist zu bewerten wie das Zeitalter, als die Vulkane die Erde veränderten, nur eben, dass keine rein mechanischen, tektonischen Kräfte wirken, sondern dass eine auf der Erde gewachsene, intelligente Spezies wirkt und verändert. Die Schweizer bauen ihre Tunnel, die Niederländer legen Land trocken und bauen unglaubliche Schleusenbauwerke. Wir holen für den Bau unserer Behausungen das was wir brauchen aus der Erde und betonieren, teeren, machen urbar, verdrängen, stellen wieder her. Keiner weiß, wie das ausgeht. Und wir führen auch Kriege.

Ein Mann setzt sich zu mir, vielleicht 65 Jahre alt, wirft Brot ins Wasser. Hinter uns pulst das Kernkraftwerk. Gemeinsam beobachten wir, ob zuerst die Fische das Brot finden, oder die Wasservögel, die weiter draußen schwimmen. Die Fische gewinnen. Auch er kommt aus dem Kosovo, auch er erzählt vom Krieg. Alt ist er geworden in der Schweiz, arbeitete hier, spricht die Sprache nur gebrochen. Am Flughafen Klothen habe er gejobt und so manch seltsame Menschenbegegnung gehabt. Zum Beispiel der Araber, der mitten im Durchgang zur Passkontrolle niederkniete und zu Allah betete. Der betende Araber vom Flughafen Klothen ist ihm Anlass genug, alle Araber über einen Kamm zu scheren. So einfach, so natürlich, so menschlich, denke ich. Es gibt nur die Araber, die Juden, die Deutschen und man schert sie alle über einen Kamm. Auch er sei Moslem, aber so etwas würde er doch nicht tun. Man kann doch zur Seite gehen. Man muss doch nicht so demonstrativ fanatisch egoistisch sein. Wie dieser eine Araber, frage ich? Wie die Araber, sagt er. Für ihn gibt es, wie für viele Menschen, keine Schattierungen. Der Mann untermauert das Araberbild mit einem weiteren Beispiel. Von seinem Nachbarn in der Wohnsiedlung erzählte er, einem Iraker, der ihn fragte, wieviele Frauen er habe und ihn belächelte, als er sagte, eine. Der irakische Nachbar konnte das gar nicht verstehen. Sieben Frauen müsse ein Mann haben. Wohlgemerkt Moslems unter sich und mir wurde klar, Moslems unter sich sind wie Christen unter sich, unhomogene Massen, mehr oder weniger gebildet, mehr oder weniger krude Ansichten vom ‚wie man zer Welte sollte lebben‘.

Wenn es bloß eine Lösung gäbe, wie alle miteinander glücklich werden, träumt das Kunstbübchen im mir. Keine Zwänge, keine Regeln, keine Beschränkungen, Respekt und Toleranz. Aber stattdessen führen wir einen Krieg nach dem anderen. Der Mann erzählte vom Kosovo, der Korruption, der schwächelnden Wirtschaft, davon, dass das Land eigentlich unlebbar ist, obschon Friede herrscht und es vielen besser gehe, Straßen gebaut würden, aber es gebe genug Gruppierungen, die Gelder aus den gemeinsamen Töpfen für sich und die Ihren abzweigen.

Ich komme zu dem Schluss, nach einem Krieg ist nicht plötzlich alles wieder gut. Wir hinterlassen schwer verwundete Gesellschaften. Tote Orte und Länder. Wir wachsen auf Tod. Im Tod. Wir sind wie Humus.

Frisch geruht radele ich weiter und denke über Regeln und Verbote nach. Das Burkaverbot zum Beispiel. Ich finde es kleingeistig, wie ich auch das Wildzeltverbot kleingeistig finde. Es ist ein Dilemma. Kilometer weit denke ich darüber nach. Wir brauchen Regeln, die wir an entscheidender Stelle übergehen können müssen, um nicht in bürokratische Starre zu verfallen.

Mein Kartonerlebnis vom Morgen fällt mir wieder ein. Ich weiß, dass sich jemand darüber ärgern wird. Ich weiß, dass er mich nie finden wird, um mir das Vergehen vorzuwerfen. Vielleicht habe ich durch den Karton vor dem Supermarkt jemandem so richtig den Tag verdorben und er denkt stundenlang über das Arschloch nach, das seinen Müll einfach vor die Tür gekippt hat. Das sind filigrane Kräfte, die da in uns Menschen wirken. Die feinen Mechanismen des Haderns. Gerade erfahre ich es am eigenen Leib, als mich ein dunkler SUV mit nur zehn Zentimetern Abstand überholt. Er hat mich gefährdet. Er ist mir zu nahe getreten. Er hat den gesetzlichen Mindestabstand nicht eingehalten. Selbst Schreien würde mir nicht helfen, den Fahrer oder die Fahrerin zur Rede zu stellen. Das Auto ist längst verschwunden, aber ich denke noch immer über diese Grenzüberschreitung nach, spüre die Kräfte in mir wirken und es gibt keine Möglichkeit, sie abzubauen. Das geschieht täglich Milliarden mal, dass Individuen sich Kräften welcher Art auch immer gegenüber sehen, die sie irgendwie kompensieren müssen, die sie nie und nimmer in angemessener Weise kompensieren können. Der SUV-Fahrer wird nicht hinter der nächsten Kurve auf mich warten, damit ich Dampf ablassen kann. Wahrscheinlich geschah das noch nicht einmal in böser Absicht (die ich ihm/ihr unbewusst unterstelle). Wahrscheinlich war es nur ein Versehen, eine Unachtsamkeit. Und es ist ja nichts passiert. Vielleicht hadert just in diesem Moment ein Hausmeister eines Supermarkts mit dem unbekannten Idioten, der seinen riesigen Karton vor die Haustür gestellt hat. Welche Chance hat er, je Gerechtigkeit zu erfahren?

Es geht meist nur tief im eigenen Innern, Frieden zu schaffen. Frieden mit sich selbst schafft auch ein bisschen äußeren Frieden, denke ich, einen Berg hochkurbelnd. Mein böser SUV verschwindet langsam (rein gedanklich, in echt ist er schon längst weg). Ich muss mir gewiss werden, dass ich nur durch Frieden mit mir selbst zu äußerem Frieden komme. Dass es nun mal viel zu viele Einwirkungen gibt in unser aller Menschenleben, die uns frustrieren zwar, die wir aber partout doch nur mit uns selbst klären können. Die Pufferzone des Verzeihens baut sich plötzlich um mich auf. Wie so ein Airbag. Die Akzeptanz, ja, es gibt die Kräfte, Wind, berghoch radeln, ungehaltene Arschlöcher, gedankenversunkene Mitmenschen, die just in dem Moment, in denen man ihnen begegnet einen Fehler machen, der sich auf einen selbst als Kraft auswirkt und es gibt sogar die bösartigen, egoistischen, penetranten Mitmenschen, die in purer Absicht wirken. Nur die Erkenntnis, welche Möglichkeiten habe ich, auf solche Kräfte zu reagieren, kann ein bisschen lindern.

Eigentlich müsste das milliardenfach zeitgleich in unseren Köpfen so ablaufen und wir hätten ruck-zuck Weltfrieden auch im Äußeren, fabuliert naiv das Kunstbübchen in mir.

So schließe ich einen Pakt auf den letzten zwanzig Kilometern dieser Flussnotentour:

Ich selbst kann an den meisten Einwirkungen durch Natur und Gesellschaft kaum etwas ändern. Ich kann nur schauen, dass ich nicht zu viel Schaden anrichte und auf dieser Welt im Jetzt mitlebe, ohne mich selbst unglücklich zu machen.

Was bleibt, ist dieses Buch, diese liebevolle Bankrotterklärung der Welt.
(Geschrieben am 30. September. Fertiggestellt heute).

17 thoughts on “Die Pufferzone des Verzeihens | by Irli #flussnoten


  1. von der Quelle bis zur Mündung… war ich dabei… in Gedanken, Mit Herz und Seele… Eine Zeit lang begleitete ich euch mit meinem Projekt inspiriert durch euch… inspiriert, beflügelt, fremdvertraut…mit fühlend, vertrautes spürend, neues entdeckend, erkennend und erkennen, dass alles doch wieder ganz anders, ganz neu, …
    die Reise, die Erkenntnisse, … und wieder auf ErkenntnisReise wenn ich das hier lese… erkennend … gänzlich

    und doch wieder neu… Wort für Wort
    danke


  2. Herr Irgendlink, welch brillianter Text zum Abschluss. Die Pufferzone des Verzeihens – erkenne mich darin wieder. Also im Text… Von Anfang an verfolgt, wie auch schon Gibrantiago, geschmunzelt und gestaunt. Gratulation zu dieser Leistung. Ich würde den Anschluss kennen in Hoek, auf dem NSCR nach Göteborg… Weiter so.


  3. Was für ein Finale! Danke Jürgen … für alles, für dich und deine Sicht auf die Welt und wie du die Worte findest und die Erkenntnisse …
    liebe Grüsse
    Ulli


  4. Irgendwie kam ich, in Anlehnung an „Drei Chinesen mit ’nem Kontrabass“ auf „Ein Chinese mit ’nem Zahlenschloss:. 😉


  5. Dank Ulli bei Dir pünktlich zum Finale eingetroffen und es mit Begeisterung gelesen. Werde wohl wieder kommen, um auch einen Blick auf die Stationen deiner Reise zu werfen. Danke. Liebe Grūsse San

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