Die Jubeldinge tauchten auf wie aus dem Nichts und wir genossen es

Noch immer in der Pfalz. Ein gesundheitlich bedenklicher Fall in der Familie hielt mich zurück, gestern per Fahrrad die ‚erste Etappe‘ der Flussnoten 2022 zurück zu legen. Es tut ein bisschen weh. Ich hätte sicher viel Freude gehabt, durchs Elsass in den Aargau zu radeln. Bei dem Wetter und unter Kenntnis mannigfaltiger Wasserstellen am Wegesrand. Auch nachts fahren wäre entlang des Rhein-Marne- und des Rhein-Rhone-Kanals sehr schön gewesen. Hätte, hätte Fahrradkette. Klar hätte ich. Aber der Preis wären nagende Sorgen gewesen, ein unfreier Kopf. Wie auch immer. Mittlerweile gab es Entwarnung, der Kopf ist zwar immer noch nicht frei, aber ich weiß, er wird es im Laufe der Reise werden. Morgen per Bahn zur Frau SoSo in den Aargau und übermorgen per Bahn und Bus zur Rhônequelle.

Dummerweise hatte ich vorhin die Wetterprognosen angeschaut. Dummer Irgend, dummer! Die angesagten Gewitter finden statt, ob ich davon weiß oder nicht, das ist klar. Wenn ich aber nichts davon weiß, muss ich mich vorab nicht sorgen. Ich meine, hey, wir sind auf zweitausend Metern Höhe irgendwo wo nichts ist wo man Schutz suchen könnte! Zudem kenne ich aus früheren Zeiten die Gewalt der Gebirgsgewitter. Zudem zum Zweiten: habe ich eine Scheißangst vor Gewittern.

Letztlich ein Ding darüber nachzudenken, wann es angefangen hat, die Leichtigkeit zu verlieren und sie durch ein massives, selbst gebasteltes Sorgenkonstrukt zu ersetzen, das man wie einen schweren, eisernen, blauen Werkzeugkasten mit sich schleppt, um sich das Leben zu erschweren. Ich meine, früher, also vor vielen Jahrzehnten … ich erinnere mich nicht, dass ich mir wegen einer Reise solche Gedanken machte. Es war eben Wetter und man saß mit Trotteln zusammen im Zugabteil oder war mit imponiergehabenden Prolls auf der Autobahn und machte das Beste daraus. Okay, Pandemie gab es keine, Krieg nur wenige Grenzen weit weg auch nicht und die Nerven lagen auch nicht so blank. Es scheint, als seien die Pufferzonen der Zwischenmenschlichkeit in den letzten Jahrzehnten geschmolzen wie Gletscher … Rhônegletscher! Denk an Rhônegletscher, Herr Irgend, denk an was Schönes. Es gibt da eine Höhle aus Eis, sagt man, mit einem touristischen Spazierweg und Brücken und Geländern in der Höhle und durchs Eis schimmert die Sonne, sagt man, und weiter unten im Tal gibt es die Bissen, uralte Bewässerungskanäle, an denen entlang sich schön wandern lässt und Hängebrücken und all das wunderbare Unbekannte, das doch um so vieles größer ist als das, was wir kennen oder auch nur vermuten. Es braucht einfach mehr gutes Unbekanntes, vor dem man keine Angst hat, als diese Massen bösen Unbekannten, die auf einen alltäglich eindreschen.

Den Nachmittag verbrachte ich damit, eine Schutzhüttendatei (amenity=shelter) aus der Open Street Map (OSM) zu extegrieren, scheiterte, wunderte mich nicht. Laut OSM gibt es so gut wie keine Schutzhütten rings um Gletsch und Oberwald. Egal. Früher hätte es auch ohne Zuhilfenahme der OSM-Datenbank ‚keine‘ Schutzhütten gegeben. Wir hätten es schlicht nicht gewusst. Und wir wissen es auch jetzt nicht und das ist doch okay. Schließlich bewies sich früher ja auch, dass die Dinge, das Unbekannte, doch da sind. Nur eben konnte man das nicht im Voraus herausfinden und auf einer Online-Projektkarte markieren, auf dass man mit dem Datensatz einen Freudentanz vollführen könnte, juhuu, Schutzhütte (oder Laden oder sonstwas tolles) nur zwei Kilometer voraus. Die Jubeldinge tauchten auf wie aus dem Nichts und wir genossen sie. Wir Sorglos, wir.

 

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