Im Gardemuseum der Informiertheit – by ^irli #flussnoten

Der größte Feind der Reise ist ein nicht freier Kopf. Der größte Feind des nicht freien Kopfs ist Ablenkung. Das kann im kleinen Zeitrahmen geschehen, im nicht ganz gut lebbaren Moment, weil irgend etwas nervt, der Rucksack ruckelt, einen Wespen umschwirren, eine Lauttrötkarre durchs Tal fährt, ein Geräusch, ein Geruch, ein Anblick. Die Reise und der Kopf sind so angreifbar, so zart, so verletzlich und wenn ich von Kopf rede, ist das sicher missverständlich, nur annähernd umrissen.
Vor ein paar Tagen machte ich den Fehler, Nachrichtenseiten anzuschauen mit Weltgeschehen. Grausamkeiten, Not, Ungerechtigkeit und Leid, sowie Frotzelei, Stänkerei, Hähme. Gut gefülltes Hirn mit den Gedanken an das was ich las, war die Wanderung nur noch halb so leicht, störte plötzlich alles, zwickte es hier und da. Eine Art geistige Hautverletzung, eine Prellung durch Nachrichten von internationalem Belang über Weltgeschehnisse, die ich als Einzelner weder so gewünscht hatte, geschweige denn, sie verändern könnte.
Veränderung, wenn man sie sebst betreiben möcte ist immer Syssiphosarbeit, ist immer Arbeiten an Impulsen, ist immer Glaube an etwas Größeres, das sich im Laufe der Zeit erst ergibt und von dem man selbst womöglich nie etwas sehen wird, weil die Zeitläufe nun einmal so lange sind und es Generationen benötigt für Veränderung, Einsicht, Weisheit.
Die schlimmen Nachrichten hatte ich gestern zum Glück wieder vergessen, bzw., sie verdrängt. Sie eingelagert in meinem Kokon des Bewusstseins, in der Hoffnung, feste Mauern darum errichtet zu haben, auf dass sie nie mehr heraus kommen, mich nie mehr plagen. Diese Bilder, installiert durch schlichte Kenntnisnahme von Nachrichten.
Der gestrige Tag war heiß, immer sonnig. Auf kleinen Passstraßen ging es weiter und weiter abwärts, dann entlang der Furkapassstraße durch Filet nach Mörel, wo wir einkauften. An der Furkastraße wird wohl auf Ewigkeit an irgendeiner Stelle gewerkelt. Heuer in Filet, wo man was auch immer tut, ich weiß es nicht, vielleicht separiert man den Wanderweg von der sehr stark befahrenen Hauptstraße oder man verlegt ihn unterhalb des Dorfes ganz weg von der Straße, etwas näher zum rauschend stürzenden Rhonefluss, ich weiß es nicht, jedenfalls ist über zig hundert Meter der Wanderweg etwa ein Meter breit von der Straße mit Baken abgetrennt, so schmal, dass wir kaum mit unseren fetten Rucksäcken durchkommen.
Wir queren die Bahnlinie, schaffen uns zum Lebensmittelladen, kaufen ein, laufen weiter durch ein Kraftwerk runter zum Fluss. Das Kraftwerk ist unheimlich laut. Domestizierte Rinnen versorgen die Turbinen, durch Betonpolder schießt das Wasser wieder zurück ins steinige Flussbett. Besagtes erstes Bad.
Die Rhone wird langsam aber sicher zum von Menschen für Menschen urbar gemachten fließenden Etwas. Domestiziert wie die ganze Gegend. Ab dem Dorf Bitsch herrscht schließlich vollständig der Mensch, dominieren schicke Zweckwohnbauten für Betuchte die Ortslandschaft. Drei Wege würden uns nach Brig, bzw. ins rechtsrhonisch gelegene Naters führen. Einer zwischen Fluss und Furkastraße, einer auf einer ehemaligen Bahnlinie namens die Rote Meile und der dritte führt über eine Hängebrücke durch die Berge führen bis nach Naters. Wir entscheiden uns für die Rote Meile. Sinniger Weise in rötlichem Teer gehalten, sengende Sonne, kaum Schatten, aber ein Tunnel, in dem sich Sprayerinnen und Sprayer bei HipHop-Musik betätigen. Scheinbar höchst offiziell. Ein paar Stühle stehen herum, Bluetoothboxen usw. Viele Spraydosen, jemand macht Skizzen auf Papier. Hinterm Tunnel ist die Rote Meile multifunktional als Radweg, Wanderweg und als Skaterparcours ausgebaut. Rechts und links der Route sind Steilkurven in dreißig Meter-Abständen aufgestellt und gen Naters hängen an den Beleuchtungsmasten Tafeln mit Informationen über Naters, Brig, den Simplon. Historisches, Gebäude, Bevölkerungsentwicklung. Ich fotografiere die Tafeln, weil es mir in der Sonne zu heiß ist, dauernd stehen zu bleiben und zu lesen. Jene Art gute Information, die man sich als Wanderer wünscht, die einen nährt, statt verstört, die einen abtauchen lässt in die andere, erwwanderte Welt, sie mehr als Geschichte im Wortsinn begreifen lässt, denn als Desaster wie es sich für die Gegenwart anfühlt. Für einen Moment bin ich glücklich in der roten Informationsflaniermeile von Naters, vergesse, nein vermauere die heimischen Dillemata und das Weltengrauen.
Wir verlassen Naters rechtsrhonisch in die Berge über einen Kreuzweg hinter dem Friedhof, kaum Aussicht auf einen flachen Platz zum Zelt aufbauen, dennoch, es tat sich ja bisher immer etwas auf. Unser Weg ist ausgezeichnet in Richtung Gardemuseum, was Frau Soso fälschlich als Gartenmuseum interpretiert. Garde und Garde sind mundartlich gesprochen ein und die selbe Lautgebung. Auch als Pfälzer bedeutet für mich Garde gesprochen Garten.
Jenseits des Kreuzwegs tut sich endlich ein feiner flacher Platz auf in einer kleinen Wildnis neben den Felsen, neben Bunkeranlagen und neben Flugabwehrmaschinen, die dekroativ am Wegrand stehen. Gardemuseum bedeutet natürlich etwas militärisches. Über zwei stählerne schmale Brücken überquerten wir den Milchbach und ein anderes stürzendes Rinnsal. Rechts von uns in den Fels gehauene Schießscharten, mit tarnfarbenen, dem Fels angepassten Verhüllungen. Christo und Jeanne Claude hätten nur noch signieren müssen et voila, fertig ist dein kleines, selbst gebasteltes Verhüllungsdenkmal der Greuel, die du alltäglich im Innern deiner Seele vermauerst um nicht daran zu zerbrechen.
Unser Zelt steht gar grotesk über den vielstöckigen modernen Wohnburgen von Naters, die sich ins Tal queteschen. Herauf dröhnt der Straßenlärm, ab und zu gibt ein Minderwertigkeitskomplex Gas und röhrt mit sich verschluckendem Motor durch die Gassen – ich verstehe die Perversion nicht, solchen Menschen zur Kompensation solche Karren zu produzieren und zu verkaufen, statt ihnen wirklich zu helfen, ihr Rückgrat aufzubauen, sie mutig, gütig, freundlich zu machen, statt dessen es zuzulassen, dass sie wie der sprichwörtliche Tropfen Öl, der einen ganzen See verseucht, akustisch ein ganzes Tal verseuchen abend für abend leidend, ihre Angst per Gaspedal hinauszuschreiend. Nehmt die Buben in den Arm.
Als weitere Stimme im Kanon hört man besonders nachts das Kreischen der Schiene unter den Stahlreifen der Güterzüge. Schließlich ist der Simplon seit jeher ein Nadelöhr gen Süden, nach Italien ins Ausland, in die Bedrohung auch.
Wir sind nur fünfzig Meter vom Museum der Festung Naters entfernt, der Simplonfestung. Faszinierend und erschreckend der in den Fels gehauene Komplex. Was sich wohl an Abwehr, Kanonen und Schießscharten hinter den Blachen befindet, die als perfekte Tarnung die Scharten und Geschütze abschirmen? Man könnte es besichtigen. Das Museum hat in den Sommermonaten auf Vereinbarung geöffnet und nur samstags ist es regelmäßig ab 14 Uhr auf.
Ein Andermal vielleicht.
Während ich diesen Artikel schreibe, kommt mir die Analogie in den Sinn zu meiner Vermauerung, bzw. Verschließung und Abkapselung des Bösen, dessen ich per Nachrichtenkonsum gewahr werden musste. Es ist tatsächlich eine Art selbst gebaute Festung, in die ich es einmauere und es gibt gewiss auch die eine oder andere Schießscharte, die eine oder andere Möglichkeit zur Verteidigung, gar zum Angriff. Dunkle Gemäuer sind das, die sich in einem drinnen bilden voller Sumpf und Molloch. Mir wird plötzlich klar, dass sich im Falle meiner Festung die Geschütze und Scharten nach innen richten.
Besser, denke ich, besser wäre es, ich hätte es nie in mich rein gelassen. Ich meine, die Welt wird durch Informiertheit über ihre Grausamkeit ja nicht besser, noch schlechter.
Es braucht viel Mut, sich auf ein impulsshaftes Leben und Handeln einzulassen, ohne dabei direkt Früchte zu sehen. Eine bessere Welt gibt es nur irgendwann ohne, dass wir durch Zwang darauf hinarbeiten. Einsicht, Gleichmut und Guttätigkeit entstehen nun Mal über Generationen ebenso wie die Destruktion. verflixt, das ist schon fast ein kleines Gottteufel-Thema.
Es beruhigt ein wenig, in einer besseren Welt zu leben als die Generationen zuvor. Zumindest lebe ich in der Illusion, dass es besser ist.

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