In Haldenstein [SoSo] | #flussnoten

Zählt sie oder zählt sie nicht, diese Brücke vor Haldenstein, die womöglich als 17a-b-c in unsere Zählung eingehen wird. Falls sie denn zählt natürlich nur.

Haldensteiner Rhein von der Brücke aus
Wenn wir morgen Richtung Norden, Richtung Bodensee, Richtung Flachland möglichst steigungsfrei weiterwandern wollen, werden wir sie zum vierten Mal (17d) überqueren müssen. Der Weg dort drüben sei schön und flach, meinte K., unsere Vermieterin. Auf dieser Seite, der linken, also da wo Haldenstein liegt, geht es hingegen nochmals ein Stück bergan.

Die morgige Tageslaune wird entscheiden, und der Wetterbericht.

Der Rhein, breit und ruhig, wie er sich inzwischen weitestgehend zeigt, ist ein Jedermannsfluss geworden. Kein Kleinkind mehr, dem wir beim Geborenwerden am Tomasee zugeguckt haben. Längst ist er selbständig geworden und kann auch schon tolle Schleifen. In Chur wechselte er sogar seine Himmelsrichtung, seine Fließrichtung. Von West nach Ost war mal, neu gilt von Süden nach Norden.

K. hat uns eine hybride Karte gegeben, die à la Guugle Earth das Terrain zeigt. Ab Rheinschlucht bis Bad Ragaz ist alles drauf. Mich gruselt, wie ich die Höhenmeterzahlen und die Berge betrachte, die wir die letzten zwölf Tage erwandert haben. Das heute war eigentlich nur ein Spaziergang. Allerdings ein unglaublich schweißtreibender.

Chur also. Chur, wo mein Großelternhaus steht, der Ort, wo meine Mutter groß geworden ist, der Ort, der mir als Kind riesig vorgekommen ist, mir als Kind vom Land, und jetzt einfach eine Kleinstadt in den Bergen ist. Immerhin die älteste Stadt der Schweiz.

Wir nähern uns ihr von Westen, zwischen Auto- und Eisenbahn, durch Einkaufmalls und Industrie. Nach dem morgendlichen Regen war es anfänglich noch bewölkt. Kühles, perfektes Wanderwetter. Schon an Stadtrand aber steigt die Temperatur stetig. Wir entscheiden uns, wieder, wie gestern in Domat-Ems, wegen Hitze und Lärm, durch die baumreichen und eher schattigen Quartiere zu gehen statt den direkten Weg, die Hauptstraße, zu nehmen.

Irgendlink steckt mich bald mit seinem Status „Urban Artwalk“ an und so knipsen wir uns langsam aber stetig zum Großelternhaus voran. 

Hach. Es steht noch und weckt schöne Erinnerungen. Gerüche. Es riecht noch genauso gut wie damals. Wachholderig. In der ganzen altehäuservollen Straße. Ich nehme ein paar Bilder mit.

Später, am Bahnhof, gönnen wir uns ein leckeres Mahl: Falafel für mich, Kebap für Irgendlink. Die Stadt ist diesseits der Altstadt ein Dorf. Die Menschen duzen und grüßen sich. Ich fühle mich seltsam wohl und vertraut, obwohl sich das Stadtbild in den letzten dreißig Jahren meiner Abwesenheit – wenn man vom abundzuen Umsteigen am Bahnhof einmal absieht – sehr verändert hat. Jenseits des Bahnhofes aber finden wir eine andere Welt vor. Fußgängerzone, Straßenmusikanten (alle männlich), Läden. Wären nicht die Berge ringsum, könnten wir überall auf der Welt sein. Urbanität in alten Gebäuden.

Eine Rockmusikerin aus Estland verkauft uns eine CD. Wir treffen uns bei 10 Fr. Ich kaufe das Werk ungehört, achtzehn Stücke, eigene Werke. Kunstförderung finde ich wichtig. 

-> www.illumenium.com

Die Stadt brodelt. Wir hangeln uns von Brunnen zu Brunnen und träumen von einer App mit Brunnennähe-Sensor, der Bescheid gibt, wenn wir uns einem Brunnen nähern.

Schöne Altstadt, die sich uns offenbart, als wir die Nebengassen und -gässlein passieren. So gehen wir fotografierend, mit den Rucksäcken am Rücken, auf und ab, hin und her. 

Chur-Bilder-Collage

Irgendwann sind wir satt und stadtmüde, und so spazieren wir nordwärts. Heiß. Und irgendwann wird es wieder ländlich. Doch einen Wanderweg-Wegweiser finden wir keinen und gehen darum auf dem geteerten Radweg. Heiß. Oh, ich wiederhole mich.

Endlich, nach einem Verkehrsknoten, finden wir den Weg, den erhofften. Und den Rhein, den vermissten. Und einen potentiellen Lagerplatz. Eine Spielplatz-Freizeitanlage, ähnlich jener von gestern Abend.

Wolken ballen sich zu gräulichen Regenklumpen zusammen und wir spekulieren darauf, irgendwie und möglichst bald, ein B&B zu finden. Im nahen Haldenstein am liebsten. Über die Brücke gehend, unserer Nummer 17a, erfahren wir von einer jungen Mutter mit drei Kids, dass es in Haldenstein keine B&Bs gibt. Vielleicht hat ja das Gasthaus drüben – jenseits der Brücke, dort also, wo wir herkommen – Zimmer?

Also zurück, über unsere Brücke Nummer 17b. Vor dem Garten-Restaurant, wir haben eben erfolglos nach einem Zimmer gefragt, setzt Schauer ein. Dann Platzregen. Heftig. Doch wir sind gut geschützt unter Sonnenschirmen.

Die Wirtin weiß, dass es drüben, in Haldenstein, ein B&B gibt. Oder gab. Auf dem Ortsplan kann sie zeigen wo, aber ein Vermietername fällt ihr nicht ein. Mit telsearch finde ich die Menschen besagter Straße und ihre Telefonnummern. Ich telefoniere drauflos – nachdem ich all jene ausgeschlossen habe, welche die Wirtin mit Namen kennt.

Nach zwei Anrufbeantwortern habe ich die Nachbarin besagter Vermieter am Telefon. Sie gibt mir die Handynummer und den Namen der Vermieterfamilien- beides steht nicht im Telefonbuch. Nach einem weiteren Anruf haben wir die Wohnung für einen fairen Preis gebucht und spazieren in einer Regenpause das dritte Mal über die Brücke – Nummer 17c.

Was soll ich sagen? Köstliches Dasein in der Badewanne, auf Sofas und Sesseln. Im Badewasser große Wäsche. Hoffentlich trocknet alles bis morgen.

[Das Ökohaus wird mit Solarpanels und anderen erneuerbaren Energien geheizt. Ein echtes Bijou. (Die Adresse vermitteln wir auf Anfrage gerne.)]

Nun fläzen wir herum. Und fragen uns, ob die Brücke zählt oder nicht.

Streckenscreenshot des 13. Tages:

4 thoughts on “In Haldenstein [SoSo] | #flussnoten


  1. Zwei Betrachtungsweisen:

    Ihr seid hinübergegangen. Also zählt sie.

    Hinüber zählt – zurück hebt wieder auf usw. usf.

    Aber das wäre meiner Meinung nach die nicht korrekte Zählung, denn gegangen seid ihr ja.


    1. Ich bin auch für Zählen, zumal wir hier ja geankert sind.
      Auf Sessel mit elektrischem Licht geschrieben.


  2. Alles zählt immer, auch beim Vor und Zurück, sagt die Nachteule …
    und grüsst herzlich
    Ulli
    schön, schön, dass es dir/euch heute SO erging!


    1. Genau, alles zählt.
      Gestern waren wir auch Nachteulen, sind aber dennoch „zeltfrüh“ erwacht.
      Danke dir!

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