Wir haben Durst, ein metaphysisches Hundekotspalier, kein Ladekabel und ein Konglomerat aus Pech – by ^irli #flussnoten

Wo hätte man es gedacht, dass man in der feinen Schweiz mal vor einem Brunnen steht, in dem es kin Trinkwaasser gibt! Zugegeben übertreibe ich ein wenig, denn in der Tat bin ich schon einigen Brunnen begegnet, an denen eine Plakette ‚Kein Trinkwasser‘ klebt. Was in Deutschland Standard ist, ist in der Schweiz die Ausnahme. Somit handelt es sich wohl um einen Supergau, dass in der gesamten Gemeinde Brigerbad das Trinkwasser verseucht ist und man allüberall gewarnt wird. Den darauf hinweisenden Fresszettel unter vielen an der Tür der Rezeption des Campingplatzes Brigerbad hatten wir spätnachmittags übersehen. Wer liest schon das Kleingedruckte. In der Rezeption hatte man uns beim Checkin leider nicht gewarnt, dass es kein Trinkwasser gibt. Wie auch immer, es kam schlimm und schlimmer an diesem Tag, der zunächst wunderbar begonnen hatte. Großflächenfrühstück auf dem Picknickplatz vor dem Gardemuseum, wo wir zwei riesige Tische und vier lange Bänke für uns alleine hatten, denn das Museum öffnet nur auf Vereinbarung, bzw. in den Sommermonaten samstags ab 14 Uhr. Feudal feudal. Wir sind die zwei Mann-Komapanie des Petite Dejeuners an diesem Tag. Bzw. Zwei Frau-Kompanie.
Danach, gestärkt, strammer Aufstieg. In der Handykarte by Osmand sieht es so aus, als müsste man einige Geröllfelder und Felswände durchsteigen, in Abwechslung mit Wäldchen. In echt, draußen in der Welt ist es im Prinzip genau so, bloß, dass wir mehr oder weniger einem Bewässerungskanalsystem folgen. Wie ein lang gezogenes Schwalbennest klebt der Kanal nebst Wartungs- und Wanderweg manchmal direkt an der Steilwand. Es gibt zum Glück Geländer in Form gespannter Stahlseile, oft auch in Form von ein bis zwei zölligen Wasserrohren, die auf Eisenpfosten ruhen. Zunächst fragte ich mich, wieso man die Rohre herauf schleppte, so aufwändig, nur als Geländer, bis mir das System, klar wurde. Da fließt Wasser drin, gibt es Abzweigungen, Sperrhähne und Reduktionsstücke. Die Geländer sind neben den etwa fünfzig Zentimeter breiten Bewässerungskanälen Teil des verzweigten Systems, das sich über Stock und Stein entlang der Höhenlinien zieht. Manchmal hat es einen Wasserfall in den Bissen, manchmal kleine Tunnel, immer wieder Ausbuchtungen und Bänkchen. Wir legen uns mittags ins eiskalte Wasser, kühlen die Wanderkörper. Die Wanderung in der Höhe ist das absolute Spitzlicht unserer Wanderung, finde ich. Nicht allzu viel Gekraxel, wunderbare Ausblicke aufs wummernde Tal, die Straßen, die Schienen, die, die Dörfer, die Autobahn, den gebändigten, wie in einem Kanal fließenden Fluss. Zur Seite stets die schmale Bewässerungsrinne. Manchmal wurde sie in den Fels gehauen, manchmal über Brücken und Seitenbänke schwindelerregend daran vorbei.
Pech, dass wir viel Pech hatten die letzten Tage. Frau Sosos Handyladekabel ging kaputt. Für uns Appspressionistinnen, die auf das Handy als Arbeitsgerät (Fotografieren, notieren, Texte feilen) angewiesen sind, tickt ab der Minute, ab der man keinen Strom mehr laden kann, die Uhr und man muss sich überlegen, wie man den Restaukku einteilt. Fakt ist, dass Frau Soso ein neues Kabel braucht und dass wir deshalb zum nächsten Supermarkt ins Tal absteigen müssen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Mehr Pech gibt es daheim: ein Todesfall macht unsere Anwesenheit im Aargau notwendig schon nächste Woche. Ein Krankheitsfall macht meine Anwesenheit in der Pfalz zwar nicht unbedingt nötig (auch schon nächste Woche), aber ich kriege seither den Kopf nicht mehr leer und es zieht mich heim.
Zum Großpech Tod und Siechtum gesellt sich automatisch das Kleinpech, als habe sich eine überkritische Massenanziehung an Pech ergeben und wir konglomerieren ab nun das Unglück … nein nein, wir straucheln nicht auf dem sandigen überheißen Wanderweg abwärts zur Rhone zum nächsten Coop Megastore (Ladekabelpech, sie erinnern sich?). Dennoch ist der Abstieg in der Gluthitze widerlich und unten am Fluss trifft uns der Schienen- und Straßenlärm, den man zweihundert Meter höher nur als leises Säuseln wahrnahm, mit Wucht. Der Fluss unbadbar, weil kanalisiert und unheimlich stark dahin schießend. Der Sandweg neben der Radroute auf der rechten Rhoneseite ganz akzeptabel, der Supermarkt, vermeintlich so nah, doch auf der falschen Seite und die erste Brücke ist eine eisenbahnerische Dienstbrücke, verrammelt, gesperrt, zu, und die zweite Brücke führt direkt zur Autobahn und da, der Campingplatz, da quartieren wir uns jetzt erst einmal ein. Es ist bald fünf Uhr. Wir übersehen den Verseuchtes-Wasser-Hinweis. In der Rezeption behandelte man Frau Soso mit kühler bis unflätiger Stimmung. Kein Wort zum Wasser, kein Hallo, Ihr seid Wandernde, Ihr seid bestimmt durstig. Eiskalt ließen sie uns ins Messer laufen und kassierten dafür fast fünfzig Franken.
Die Zeit lief zu langsam, um wütend zu werden, die Miseren kamen in homöopathischer, Dosis in einer niedrigen Frequenz, als ob man einen Hunde verschissenen Weg entlang läuft und alle hundert Meter in einen Haufen tritt. Gegen 18 Uhr machten wir uns auf zum Coop, um Ladekabel und Lebensmittel und vor allem Trinkwasser zu besorgen, scheiterten an der ersten Brücke, denn sie führte direkt auf die Autobahn, drüben kein Wanderweg erreichbar, liefen zur nächsten Brücke, die Uhr tickt, sag ich zu Frau Soso, wir dürfen nicht trödeln. Ach was, der ist so groß, der Markt, der hat bestimmt bis 20 Uhr auf. Schauen wir doch mal Suchmaschine. Zack, Hundehaufen in Form von „schließt um 18:30“. Adieu Ladekabel, Feierabendbier, Brot, Käse, Köstlichkeiten und vor allem, adieu Trinkwasser.
Nun gut, dann stopfen wir dem feisten, gierigen, kapitalistisch bis ins feinste durchstrukturierten, gemeinen, niederträchtigen, die Kuh Tourist bis aufs Blut melkenden, eiskalten, hatte ich schon feist gesagt, unendlich unfeundlichen, unmenschlichen, kosmodämonischen Campingplatz Brigerbad eben ein paar Franken mehr in die Taschen und kaufen Trinkwasser im Campingshop. Noch während ich diesen langen, frustrierten Fluch ausspreche, sind wir die Strecke bis zum Campingplatz zurück gewandert. Frau Soso in Sandalen, was Blasen zur Folge hat (noch so ein Hundehaufen am Wegrand). Es will nicht enden. Zurück an der Rezeption, bereit, der gereizten Rezptionistin entgegen zu treten und demütig Wasser und Nötiges zu kaufen, stehen wir, Achtung Hundescheiße, vor verschlossener Tür.
Wir haben uns für fast fünfzig Franken auf einem Platz eingemietet, auf dem es nicht einmal das Überlebensnotwendige gibt. Trinkwasser.
Durst.
Durst.
Durst.
Ich kaufe ein Bier für sieben Franken. Der kleine Ausschank des Gartenbeizlis schließt direkt danach. Ich bin voller Danknarkeit für dieses kleine Glück. Das Gesöff tut gut. Der Preis ist zwar auch nur eine jener Tretminen am Weg, aber manchml muss man sich freikaufen.
Die Erfahrunglehr, jeder verschmutzte, hässliche Weg hat einmal ein Ende. Fangen wir doch klein an, sagt Frau Soso. Während wir halb torkelig vom Bier auf nüchternen Magen durch das Spalier aus Wohnmobilen zurück zum Zeltwiese laufen, geht sie plötzlich rüber zu dem Tischchen neben dem blauen Wohnmobil, an dem ein Paar sitzt und Karten spielt, könnt ihr mir ein Ladekabel fürs Handy leihen, meins ging kaputt, lange Geschichte. Und schwupps hatte sie wieder Saft, die Frau Soso.
Den Abend verbrachten wir Wasser abkochend beschallt von Schiene und Straße. Ich meine, unseren minderbemittelten Lauttrötkarrenfahrer aus Naters ausgemacht zu haben, wie er verzweifelt, um Aufmerksamkeit bettelnd, den schluchzend schluckenden Motor seiner Achtzylinderkarre über die nahe Furkastraße jagte.

5 thoughts on “Wir haben Durst, ein metaphysisches Hundekotspalier, kein Ladekabel und ein Konglomerat aus Pech – by ^irli #flussnoten


  1. Bei allem Unglück: wunderbar beschrieben, wie Scheisse sich stapeln kann, wenn das Pech einmal anhält und sich niederlässt. Einziger Kritikpunkt: das Wörtchen feist hättest du in diesem fiesen Falle ruhig nochmal benutzen können. Ich hasse nichts mehr als Herzlosigkeit. Gruß an die tapfere Sophia.


    1. Feist! Sag es laut FEIST! FEISTE SCHEI$£¥#E! Jawoll!
      Danke für die Grüße – herzlich zurück. Wie gut, dass Pflaster erfunden wurde.

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