Tag 2: Es geht doch nichts über Bergwasser | #flussnoten22

»Es geht doch nichts über Bergwasser«, sagt die junge Frau, die sich am Holzbrunnen die Zähne putzt. Sie gehört zum BuLa, das sich kilometerweit durchs Obergomser Rhônetal zieht. Emsiges, friedliches Treiben können wir auf dem riesigen Campinggelände beobachten, Volle Kisten werden gefüllt an den Zufahrtsstraßen und -wegen zum Abholen abgestellt und wir werden da und dort freundlich gegrüßt. Einzig eine unfreundliche Radfahrerin flucht uns, die wir nebeneinander gehen, aus dem Weg.

Am Brunnen, der alt ist und wie hier üblich aus einem halbierten Baumstamm geschnitten, dem ersten dieses Tages, wollen wir unsere leeren Flaschen füllen. Sie lächelt uns mit Zahnbürste im Mund zu, die junge Frau, und ja, wirklich, es geht nichts über frisches Quellwasser aus dem Inneren der Berge.

»Ich war heute schon in der Rhône, die ist ähnlich kalt!«, sage ich. »Na ja. Mit den Füßen!«, will ich ergänzen, doch Irgendlink ist schneller. Wir lachen, und dann schwatzen wir über das riesige Pfadfinder•innenlager, das nur alle vierzehn Jahre stattfindet, bevor wir weiter wandern. Wir lassen Ulrichen hinter uns und begegnen einem Radler aus Brügge (Belgien), der mit seiner Partnerin drei Monate durch Europa tourt. Sie im Begleitfahrzeug (samt Hund) und er mit dem motorisierten Lastenrad. Wir tauschen das unter Reisenden übliche Woher-Wohin, bevor er Richtung Furka radelt und wir Richtung Genfersee weiterwandern.

Das Blasenpflaster hilft zwar, doch mein Rucksack wird davon nicht leichter. Obwohl wir doch schon einige Vorräte verkocht und gegessen haben. Gut, dass wir keine Tagesziele haben. In unserm Tempo gönnen wir uns häufige Pausen. Einfach sitzen, staunen, genießen.

Es ist ein Prachtstag, 25 Grad rum, und wir schwitzen. Als wir eine kleine Brücke über einen Rhônezufluss überqueren, muss ich einfach in diesen Bach hupsen und mich abkühlen. Herrlich kalt und erfrischend ist das kurze Bad. Ich weine ein bisschen aus purer Glückseligkeit.

Die nächste Pause ist dann eine größere: erstmal das Zelt ausbreiten, damit es fertig trocknen kann und dann eine Runde schlafen. Herrliche Wiese mit ein paar hängemattentauglichen Bäumen. Handys mit Sonnenenergie aufladen. Als ich aufwache, fröstele ich. Der Wind ist stärker geworden, der Boden unter der ausgebreiteten Regenjacke kühl. Auch Irgendlink in der Hängematte fröstelt ein wenig. Es ist 15 Uhr und wir haben Picknickhunger, den wir stillen. Wir beschließen, bei nächster Gelegenheit einkaufen zu gehen. In Münster oder Reckingen. Als wir am Abzweig stehen, vor der Münsterer Rhônebrücke, entscheiden wir uns für Reckingen.

Was für ein Zuckerstückchen, dieser Wanderweg! Zuerst geht es bergan, dann mal rauf, mal runter, durch den Wald. Der schmale Wanderpfad wird immer noch wilder und schöner. Das ist der Stoff, aus dem meine Wanderträume gewoben sind!

Dennoch werde ich müder und müder und der Muskelkater kommt doch noch. Die Beine und Schultern sind erschöpft. In Reckingen setzen wir uns eine Weile auf die Holzbalken der schönen gedeckten Holzbrücke über der Rhône, um uns ein bisschen von der Hitze zu erholen. Auf den schmalen geteerten Dorfstraßen ist es nämich gleich viel wärmer als vorhin auf unsern Wanderwegen.

Im Volg kaufen wir ein bisschen Früchte, Gemüse, Maiskolben und Käse. Als Histaminunverträgliche ist es gar nicht so einfach, den Eiweißbedarf zu decken, da fast nur frische und gekühlte Produkte verträglich sind. Ich habe riesige Lust auf Mozzarella, er muss allerdings, da wir ihn nicht kühlen können, noch heute gegessen werden. Das dürfte kein Problem sein.

Als wir den Laden verlassen, teilen wir die Einkäufe auf, ich nehme Obst und Gemüse, sage ich, und den Mozzi. Irgendlink sagt, er packt den Rest ein.

Später, als wir am potentiellen Lagerplatz sind – ziemlich genau zwischen zwei offiziellen Zeltplätzen – bereiten wir uns zum Kochen vor.

Wo sind bloß die Maiskolben? Hast du nicht das Gemüse eingepackt? Mais ist doch kein Gemüse, das ist doch der Rest? Schrödingers Msiskolben, scherzen wir. Nein, wir streiten nicht, wir erkennen bloß, dass wir offenbar den Mais einzupacken vergessen haben und müssen das Abendessen neu denken. Gebratene Zucchini mit Käse überschmelzt, dazu Hirsotto und Salat wir es schließlich. Schmeckt lecker, und wenn da nicht diese Begegnung kurz zuvor gewesen wäre, hätte ich mich endlich entspannen können.

Gerade als wir zu kochen angefangen hatten, sind eine Frau, ihr pfeiferauchender Mann und ihre zwei Hunde aufgetaucht. Während der Mann mit Brot die Enten füttert und ich erkläre, dass das den Enten schadet, erklärt sie uns, dass wir hier nicht zelten dürfen. Das sei hier privat und werde polizeilich überprüft. Es habe ja zwei Campingplätze in der Nähe.

Wir hatten ja tatsächlich mit dem Reckinger Campingplatz geliebäugelt, als wir an ihm vorbei gewandert sind, doch ist a.) wildzelten einfach die ruhigere Option und b.) sparen wir uns aus Budgetgründen Zeltplätze für ‚Notfälle‘ auf (für Regentage oder falls es keine Wildzeltmöglichkeiten hat).

Also packen wir nach dem Essen alles wieder zusammen und wandern nochmals etwa einen halben Kilometer weiter, bis wir in einem Wald einen schönen Lagerplatz finden. Bisschen schräg, aber herrlich ruhig. Wir haben beide tief und fest geschlafen.

Heute gab es bei mir Pfannenbrote zum Frühstück. Die mitgebrachte Mehlmischung schmeckt lecker.

Pfannenbrotbäckerei auf dem Trangia

Die Wetterprognose verspricht nachmittägliche Gewitter und Regenfälle. Schauen wir mal.

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