Tag 7, 2. Teil: Immer weiter | #flussnoten22

»Vielleicht bedeutet Pilgern ja den Unbilden und Schwierigkeiten auf dem Weg zu trotzen, den Schwierigkeiten etwas entgegen zu setzen, nämlich den eigenen Willen. Aufstehen. Weitergehen. Trotz des schweren Rucksacks.« So denke ich, während wir dieses wunderbare Wegstück oberhalb von Eyholz nach Visp wandern.

Nachdem wir nämlich in Eyholzer Einkaufszentrum Essen, Ladekabel und eine neue Powerbank* für mich gekauft haben, wandern wir wieder bergan, um nach Visp zu gelangen. Nach zwanzigminütiger schweißtreibender Steigung beginnt ein wunderbarer schattiger Weg direkt an einer Suone/bachartige Wasserrinne (Bewässerungskanal).

Nachteil: Zeitweise superschmaler Wanderweg (siehe Bilder in der Galerie). Rechts neben dem Weg geht es steil bergab. Manchmal, nicht immer, gibts ein Geländer wie im Filmchen hier (Link).

»Falls ich da jetzt abstürze«, sage ich galgenhumorig zu Irgendlink, »sollst du eins wissen: Es war wunderbar mit dir. Ich liebe dich!«

Unterwegs denke ich über das Wesen der Helden- und Heldinnenreise nach. Über Tiefpunkte und Neuanfänge, über Weitergehen trotz Tiefpunkten. Über Wandlung und den Unterschied zwischen gestern und heute.

Na ja, eine Heldin bin ich nun wirklich nicht. Mir ist das Scheitern näher als das Vollenden. Dennoch sind wir heute Morgen aufgestanden und haben gemeinsam entschieden, weiterzuwandern. Das gestern kumulierte Pech gehört eben auch dazu. Weiterwandern – bis Sonntagabend oder bis Dienstagabend. Je nachdem, wie sich das Leben unserer Lieben entwickelt.

Die Herausforderungen einer Heldinnen- und Heldenreise bestehen ja eben darin, Dinge zu lösen, loszulassen, seinzulassen. Aber, (großes ABER!) wir dürfen auch jederzeit, wo immer wir sind, aufhören, »es ist genug« sagen und in den nächsten Zug steigen. Alles darf. Das ist dann sozusagen die Antiheldinnenreise, par excellence sogar. Sie unterscheidet sich einzig darin von der Heldinnenreise, dass in ihr nichts muss. Dass dem Fluss des Lebens gehorcht wird – akustisch ebenso wie im Sinne eines Gebots, dem gehorcht wird – und dass auch keine Götter oder Göttinnen mitmischen (sehr wichtig!).

So haben wir also in den letzten Tagen das Oben und das Unten gekostet, metaphorisch ebenso wie buchstäblich. Höhenmeter haben in den Bergen eine ganz andere Dimension als im Unterland. Die Dörfer und Städte liegen im Tal, die Wanderwege führen außenrum. Das Außenrum ist hundert, zwei- oder gar dreihundert Meter höher als das Tal. Und da musst du eben rauf und wieder runter, wenn du etwas brauchst. Hätten wir noch genug Lebensmittel und keine fehlende technische Ausrüstung gehabt, wären wir am Pechtag Mittwoch vielleicht da oben geblieben und hätten heute Donnerstag im Laufe des Tages Ausserberg erreicht. Und das dortige Konsum-Lädchen, das ich mir wie diese schwedischen, hochnordischen Allesläden vorstelle.

So aber fahren wir vom Brigbader Campingplatz aus per Postauto nach Eyholz zum Einkaufen und wandern von dort aus linksrhônig in das sengendheiße Visp. Wegen Abendesseneinkauf und Apotheke im speziellen, aber auch, weil es liegt, wo es liegt, dieses Visp. Hübsch und heiß. Ein bisschen südfranzösisch.

Wir sind uns nicht ganz einig, was die zukünftige Route betrifft. Auf welcher Rhôneseite wir wandern sollen. Auf der linken Seite sind die Berge ein wenig flacher, was mein Plädoyer für die linke Seite ist. Rechts hingegen ist der Wanderweg vermutlich konstanter. Schauen wir mal. Wir haben noch jedes Mal einen Weg gefunden.

Vom Visper Zentrum aus folgen wir wieder den Wanderwegschildern und – Zack! – stehen wir sehr verschwitzt und sehr müde vor dem Visper Zeltplatz. Tse.

Na ja, ganz zufällig ist es nicht, denn wir haben schon ein wenig darauf spekuliert. Mit 20.— Franken für alles, inkl. freien Schwimmbad-Eintritt sind wir dabei. Die Rezeptionistin ist auf eine natürliche Art freundlich, lässt uns erstmal ankommen, sagt, wo wir uns aufbauen sollen, zahlen gern später …

Wir plumpsen auf ein Stück verdorrtes Gras (Erinnerungen an südfranzösische Campingplätze tauchen auf) mittig zwischen zwei Familien, die uns überaus freundlich begrüßen. Der eine, ein Walliser Opa (mit Oma und Enkelkindern) teilt mit uns Strom und Wäscheleine. Die andere Familie, aus Holland, mag unser Zeltchen sehr. Schwätzchen hier und da. Ein total anderes Lebensgefühl als auf dem überteuerten Brigbader Zeltplatz.

Es ist anders hier. Und auch wir sind seit gestern andere. Jeder Tiefpunkt verändert uns

Nach Wäschewaschen, Schwimmbad und einem großen Pommesteller zu zweit als Abendessen, verschicken wir unsere Tagesbilder an die liebe Homebase und machen wir uns auf, den Zeltplatz und die Umgebung zu erkunden. Auf dem nahen Fußballplatz kämpft Rot gegen Weiß und von oben, vom Dammweg sieht alles ganz friedlich aus.

Wimmelbild: Suche unser Zeltchen

Die Nacht ist friedlich und ruhig für mich Ohropax-Userin. Bereits scheint die Sonne warm.

Jetzt aber erstmal Wasser kochen.


*Die alte war deutlich angezählt; ich habe sie auf einem Stuhl liegenlassen, in der Hoffnung, dass ein anderer Mensch sie noch ein wenig nutzen möge.

Mein heutiger Text ist Ulrike, unserer wunderbaren Homebase-Fee, gewidmet.

4 thoughts on “Tag 7, 2. Teil: Immer weiter | #flussnoten22


      1. Powerbank liegenlassen hätte ich mich nicht getraut – ist eigentlich „wilde“ Entsorgung.


        1. Es war in einem Warenhaus, das sich verpflichtet, die „vorgezogene Entsorgungsgebühr“ umzusetzen. Die Entsorgung habe ich tatsächlich beim Kauf schon bezahlt. Ich dachte mir allerdings, da das Teil ja noch leidlich funktioniert, dass womöglich jemand sich darüber freut. Irgendwo in der Pampa hätte ich es natürlich nicht getan. So viel zur „wilden“ Seite der Entsorgung.

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